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Ich kann genau sagen, wann der Oktober mein Lieblingsmonat wurde. Es ist, wie das Licht zwischen Laub ins Fensterglas fällt und auf dem Laminat landet. Es liegt in seinen Neuanfängen, jedes Semester neu, aber zum Wintersemester immer neuer als im Frühling. Es hat mit den Dingen zu tun, die man aus Kürbissen machen kann, und dass es okay ist, zuhause zu bleiben und mit den Händen zu arbeiten. (Nennt es ruhig Basteln.) Aufatmen bei jedem glühgelben Baum. Wie schön die Dinge werden, bevor sie sterben.

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gelesen: Olympe de Gouges von Olivier Blanc, für ein Referat. Ich habe das Gefühl, dass ich das vor 14 Jahren für den gleichen Anlass schon einmal gelesen habe. Außerdem Texte von Terry Eagleton, Raewynn Connell, Michael Meyer, William Shakespeare, Walt Whitman, Ezra Pound, Emily Dickinson, William Carlos Williams, William Blake, Olympe de Gouges, Mary Wollstonecraft, Ute Gerhardt, Hannelore Schröder, Michael Kimmel, Gregory S. Brown.

geschrieben: 270 Tage 750words, und auf kleinerdrei ein Text übers Zähneputzen und einer übers Kacken, der vorgibt, von Überraschungen zu handeln.

gelernt: dass es auch eine Möglichkeit gibt, beim Lesen nebenher produktiv zu sein, wenn ich dabei Dehnübungen fürs Ballett mache. (Nicht gelernt: dass es ausreichen könnte, nur eine Sache auf einmal zu machen, um der Sache selbst Willen)

gesehen: Schneewittchen, Cinderella und Dornröschen.

gehört: Monument von Robyn und Röyksopp. Alle Parodien von Drakes Hotline Bling, am Liebsten die Pokémon- und die Merengue-Version

gerochen: Bratapfelhandcreme in einem Ballettsaal, immer wenn ich die Arme von der ersten in die dritten Position hob. Eine räumlich klar absteckbare Pupswolke in einem Indoorspielplatz.

gewagt: mich für ein Referat zur ersten inhaltlichen Sitzung des Semesters anzumelden. Fahrrad zu fahren.

geschafft: besagtes Referat in einer Woche vorzubereiten, mit allem Pipapo. Ein Ei zu pochieren.

gesucht: die Hausschuhe des Kindes.

gefunden: Ein Flohmarkt-Miniklavier, für nur 5€. Neue Hausschuhe fürs Kind. Einen Fotoautomaten, vor dem Schauspielhaus.

gefühlt: in meiner Haut.

3 Jahre

Geburtstagstisch ohne Geschenke anrichten. Weil ich keine Blumen habe, wühle ich in Kräuterteebeuteln nach trockenen bunten Blumen. Es braucht nicht viel mehr. Am nächsten Morgen holt sich T., das jetzt zwei Jahre alte Kind, das ich irrtümlicherweise “das” Kind nenne, obwohl es “eines” meiner Kinder ist, eine rußige Nase vom Kerzen auspusten. IMG_2523x IMG_2527x Später fahren wir in den Friedwald. Buchen suchen. Also eine ganz bestimmte. Es hat geschneit und ich trage Schuhe mit einer Sohle wie aus Pappe. Der Baum ist gewachsen seit dem letzten Jahr, die tiefen Äste reichen weit vom ihm weg, mit den Spitzen ruhen sie auf dem Boden. Drumherum junge Birken, die die Krone auch ganz schön hängen lassen, als würden sie noch schwer vom Schnee tragen, der nicht mehr auf ihnen ruht. Zugewuchert. Wo wir im Winter standen, als wir eine Tulpe ins kleine Grabloch stellten und der Kopf guckte noch raus, passen wir nicht mehr hin. Brombeerstacheln verfangen sich in Kleid und Bein. Eine kleine Beere ist noch nicht reif, ich weiß nicht, ob sie zu bedauern ist. Wir machen schnelle Familienfotos, denn ich kann mit meinen nassgefrorenen Zehen nicht mehr stehen. Alles Gute zum Geburtstag, L.

IMG_2583xIn der Geburtstagsnacht habe ich noch ein Halstuch (nach dieser Anleitung) fertig bekommen, aus herbstfarbenem Garn, das ich bei der 100-Folgen-Verlosung von Ziska gewann. Ein Garn mit Silberfaden, das ich mir für etwas besonderes aufgehoben hatte, und hierfür war es das richtige. Daran ein Rand aus grünen Blättern, 15 Stück für die 15 Tage des Monats, aus so alter Wolle, ich weiß nicht woher, aber ich weiß noch genau, dass ich daraus schon Socken für Luca strickte. Mit denen wurde sie verbrannt, die sind als Asche unter dem Baum. Und der wächst.IMG_2550x

12von12 – Oktober

Oktobergold, aber eiskalt. Das ist über Nacht passiert. Ein Montag –  der Beginn der Vorlesungszeit und der Beginn einer neuen Kindergruppe, bei der ich ab jetzt Gruppenhelferin bin. Ein Tag voll mit Hin- und Herfahren, Konzentration und mutigen ersten Malen. Der Okober der anderen, die nicht wie ich sonst vergessen, sich einzutragen, findet sich bei Draußen nur Kännchen.

autumn_shower__12von12Mit dem Licht wachwerden, unter Wasser. Mein Shampoo riecht so weich wie die Fensterscheibe leuchtet. Ich föhne und kämme meine Haare zur Feier des Tages.

151012-2-3Mich endlich wieder morgens an die Tatstatur gesetzt um meine 750 Worte zu schreiben, nachdem ich sie eine Woche lang nachts vorm Schlafengehen ins Textfeld schummelte. Es geht viel leichter so.
Dann alles Weitere für die Uni fertig vorbereitet, geguckt, wo ich hin muss, mich für einen neuen Ballettkurs angemeldet, meine allerliebste Tasche gepackt. Ready to rumble!

151012-4-5Die Uni, die einerseits eine wichtige neue Adresse hat, aber gleichzeitig Verwirrung mit einem zweiten Adornoplatz als Präsidiumsadresse stiftet. Auf dem Klo bei den Neuen Philologien gibt es gratis Lebensratschläge. Vielleicht ist es auch bloß ein Filmvorschlag.

151012-6-7Paternoster fahren just because. Und endlich endlich traue ich mich und drehe eine Runde übers Dach. Halte mich am Griff fest, als alles dunkel wird. Dann ist es auch schon vorbei. Das war alles? Gleich noch mal! Ein Stockwerk unter mir unterhalten sich Leute auf Englisch und vergleichen die Fahrt mit einem “Disney ride”. Ja, so ungefähr.
Danach fahre ich weniger spektakulär S-Bahn und stricke. Ich habe eine Strickdeadline.

151012-8-9Am Nachmittag  sammle ich in Hast Platanenblätter im Park auf, um später mit 4-6 Jahre alten Kindern Kronen daraus nähen zu können. Was anscheinend nicht geht, ohne von einer Gruppe Männern von Weitem belästigt zu werden. Die wollen wissen, was ich da mache und rufen mich wie andere Leute ihren Hund, sie versuchen mich zu sich zu pfeifen, wollen meine Aufmerksamkeit und verlangen Antworten, in einem Ton als seien sie meine Vorarbeiter. Oder die Polizei. Ich will meine Ruhe. Ich will in Ruhe Herbstblätter von der Wiese auflesen können, ohne so einen Scheiß. Und schalte automatisch in den Selbstschutzmodus: ignorieren, keinen Blickkontakt herstellen, mir vorstellen, sie seien nicht da. Wünsche ihnen das Peinlichkeitsgefühl davon, ins Leere gerufen zu haben. Lieber hätte ich ihnen den Finger gezeigt, aber ich kann das Risiko nicht einschätzen.

Die Kinder gehen später mit ihren selbstgemachten Kronen nach Hause, ein gutes erstes Gruppentreffen, und ich kann den Rest meines Herbstlaubes gegen sechs Flaschen selbstgemachten süßen Apfelsaft tauschen.

151012-10-11Später in der Straßenbahn mutmaßlich ein Überbleibsel von der Demo zum Internationalen Tag der Mädchen. “Wir bestimmen wer uns anfassen darf!!!” und “Mädchen sein ist keine Krankheit! Mädchen sein ist GUT!!!” steht da. Große Liebe für alle lauten souveränen Mädchen, die sich nichts gefallen lassen, die um ihren Wert wissen. Und für die leisen auch.

Mit dem Kind geholfen hochzuklettern, weiter, immer weiter. Demnächst trage ich es zur gläsernen Decke, nehme einen Hammer in den Mund und wenn es sicher auf meinen Schultern steht, kann es ihn greifen und loslegen.

Ending_the_day_with_hot_chocolate___thisamericanlife_and_some_not_so_late_night_knitting.__12von12Für den Abend allein habe ich geplant, Serien zu stricken, äh, Serien zu sehen und zu stricken und Kakao zu trinken, aber dann bin ich gar nicht allein, sondern führe Gespräche über Lyrik, Wohnungen und erste Küsse und das ist auch sehr schön.

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Die Diskussion, wann der Herbst beginnt: mit Monatsanfang oder zur Tag- und Nachtgleiche? Ich sage, wenn eine Jacke notwendig ist, und weil ich Herbst ersehnte, ist die Jacke zum Monatsanfang nötig. Das Kind, das am 31. August Geburtstag hat, hat erneut den letzten Sommertag abgegriffen, danach Wetterumschwung. Ich bin den Monat vor allem damit beschäftig Ordnung zu schaffen. Ein eingekapseltes Durcheinander.

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gelesen: Allein unter Deutschen von Tuvia Tenenbom (nope), Learn Ruby on Rails von Daniel Kehoe (angefangen).

geschrieben: 750words, ein paar Tage lang morgens im frühen Dunkel. Eine Kinderkolumnenfolge und einen Erlebnisbericht bei kleinerdrei.

gelernt: Coden. (haha, fast)

gesehen: Mad Men von Staffel fünf und sechs (I don’t want this to end), Pingu, Plonsters.

gehört: Yann Tiersens C’etait ici-Konzert. Auf Wunsch des Kindes Händels Messias (“Hallo Luja!”) on repeat. Alle ungehörte Folgen Snap Judgement

gerochen: Einen Nilpferd- und Nashornkäfig. Karamellisierten Kürbiszucker.

geschafft: alle Bücher aufeinanderzustapeln, auszusortieren und einen Teil davon zu verticken. Alle CDs, DVDs und Papierdokumente zu sortieren (nichts davon vertickt). Das erste Mal Kuchen gebacken mit Kind, und das Kind konnte helfen.

gewesen: bei einem Rails Girls Workshop. Woop woop!

gesucht: ein Uni-Dokument. Die Englischklausur aus der zweiten 12. Klasse, die wir über Mad Men geschrieben haben. Kontaktdaten einer alten Klassenkameradin.

gefunden: Kastanien und Walnüsse.

gefühlt: on hold.

12von12 – September

Schon wieder zu spät für Draußen nur Kännchen, aber nur ganz knapp den entsprechenden Monat verpasst. Ein Samstag, früh aufgestanden, wehleidig und überreizt, aber voll mit gutem Zeug.

150912weißMit kratzendem Hals aufgewacht, von Tee und Schleimlöser aus dem Bett aus dem Bett gezogen, aber das Schlucken ist beschwerlich. Leicht sind, einige Anstrengungen später, die 750words des Tages. Still going strong.

What_Would_Leslie_Knope_Do__12von12Marktfrühstück, auf dem Weg zu einem Kinderflohmarkt. Ahornsirup UND Sahne auf einer Honigwaffel. Ich muss sie nicht mit dem Kind teilen, weil es nach Wurst verlangt. Am Ende ist die Waffel so süß, dass ich mich selbst nach Wurst sehne, um das zu neutralisieren.

150912parkDas ist kein Kinderflohmarkt, das ist eine kleine Hölle. Zu viele Menschen, zu viele Stände, zu viel Angebot um Schätze auszugraben. Danach auf den Spielplatz daneben, ähnlicher Sachverhalt. Aber unter den hundertmillionen Menschen ausgerechnet über @pantsukudasai gestolpert. Wenn das kein Glück ist.

150912bettMittagessen. Dann Mittagsschlaf. Beides eher klägliche Versuche, die in Anführungszeichen gehören.

150912autoEin Essenseinkaufsweg, hin und zurück. Gefahrguttransport.

150912kücheDen Kühlschrank ausgeräumt, fragwürdige Sachen aussortiert und Eis herausgebrochen. Ich hätte einen Schal tragen sollen. Dort einen angebrochenen Hustensirup gefunden, längst abgelaufen. Aber so lecker, ich nehme mir vor, ihn ihn den nächsten Tagen aufzubrauchen. Danach abhängen, mit einem Glas Federweißer. Und wenige Minuten später abhängen mit Federweißer und Kind, das ein Gespür für zu allein abhängende Erwachsene hat.

Drunk_sexy_knitting__12von12Den Federweißer an das digitale Abspielgerät tragen, als das Kind endlich schläft. Dann alleine abhängen mit Trauben, Strickzeug und Mad Men, zur vollen Zufriedenheit von Gaumen, Fingerspitzen und Libido.

may the force

My feelings are a force. On the brink to reemergence, as they offer tiny attempts to exist again, I am struck. I am star-struck. An engine in my breast, humming. Someone turned the switch. Somewho.

My feelings are a force. I now understand. I know, somehow. How they went on hiatus, how they left me, how they left, accompanied with what I loved. So I loved no more. They left, and I, left behind, turned to stone. A distant ore that could not (be) move(d).

My feelings are a force. I know now. I know when I observe this quiet humming, caressing me in an ever so gentle way. A sound that is a light. I know and suddenly, I am, again.

My feelings are a force. Their offerings include myrrh, incense and shame. Every incident I failed, they remind me. Every pain that is possible – they know how to inflict hurt. And then, at my most vulnerable, vanished.
What I know now, what I can finally feel: those motherfuckers abandoning me? It’s what they did to save my sorry ass. They could’ve killed me. Would’ve eaten me alive, inside out and so forth. If they had stayed. If they had made me feel them. Those were not walls I built. I did not become stone. I gained layers to face a force I missed.

My feelings are a force. They move me. To tears, usually. Or to song, today.
A soft-spoken humming.

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Sich Ende September an den August erinnern ist nicht leicht, aber wenn ich mir jetzt nicht ein bisschen Mühe gebe, ist Ende des Jahres alles weg. Ich erinnere mich an Hitze, zu viel Hitze, und Regentage, ein starkes Entweder-Oder, kein Angenehm, kein Dazwischen. Ich bin deshalb meistens im Haus geblieben. Dann kam ein Urlaub mit Verreisen, mit Gartenpool, mit Katzenbabys und Trampolin und alles rief nach Draußen. Den August durchgespielt nach Anleitung des Kindes.

decay

gelesen: Magic Cleaning von Mari Kondo (nützlich). Das bewegte Buch von den Krickelkrakels und ungezählt viele Kinderbücher mehr (okay). Publikumsbeschimpfung und andere Stücke von Peter Handke (redundant). Tschick von Wolfgang Herrndorf (wow!).

geschrieben: Notizbuch. Packliste und Ferienplan.

gelernt: was auch immer es ist, ich habe es vergessen.

gesehen: Mad Men von Staffel eins bis vier (How could I miss this). “Hui husch husch, bitte hui husch husch!”- seit dem Kind die Trainspotting-Videos (“viel Dampf”, “mächtiger Sound”) zu langweilig geworden sind, verlangt es ausschließlich nach bestimmten animierten, englischsprachigen Lernvideos mit Lok.

gehört: STS, Farin Urlaub, Philip Glass, Die kleine Raupe Nimmersatt von Ludger Edelkötter und Richard Claydermann für die letzten Seiten Tschick.

gerochen: Popcorn und Kürtős, weiße Schokolade mit grünem Tee und Sesam, Rosmarin und Katzenfutter.

geschafft: eine Op-Art-Spindel zu bauen. Eine 1.0 in der Geschichtsklausur (BOOM!). In mein neues zulassungsbeschränktes Nebenfach reinzukommen. Einen Platz im Railsgirls-Workshop zu ergattern.

gestreichelt: Ziegen, Schafe, Esel, Kaninchen, Birma-Katzen, Schnecken, Ponys, Kinderhaar (gedankenverloren auch mal das des falschen Kindes).

gesucht: Meinen Ausweis, den Ausweis des Kindes und mein Handy bei einem kurzen Aufenthalt in einer Wiener Notaufnahme. Ein Quidditch-Match. Ein Geschäft, das Polaroidfilme offeriert.

gefunden: Nichts von alledem.

gesteckt: mit den Waden im Schlamm, mit den Füßen in eisigem Bachwasser, um den Schlamm fortzuwaschen (lieber den Schlamm an der Sonne festtrocknen lassen). Die Hand in einen Poolfilter wie in den Mund der Wahrheit.

gefühlt: beschenkt. Und wie sich eine Nacktschnecke anfühlt, wenn man im Dunkeln barfuß in sie hineintritt.