Hurra

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Noch eine Woche, bis das Kind in die Krippe eingelernt wird. Alle Deadlines beigesetzt, das Kind und ich, wir leben in den Tag und ich komme nachts mal dazu, Sachen für mich zu machen. Die Sachen, die ich für mich mache, die haben damit zu tun, länger auf Bildschirme zu gucken, beide Hände gleichzeitig zu bewegen, alle Ohren nach innen zu haben. Oder stattdessen auf- und wieder einräumen. Sisyphos musste in einem Kindergarten Bücher zurück ins Regal stellen, alphabetisch geordnet. Mal hab ich mit wachem Kind die Küche gewischt, das gab vuxenpoäng. Der Rest ist unspektakulär. Ich höre Podcasts und tanze dem Kind zur Intromusik was vor. (Die Musikauswahl von Chewing The Fat <3) Wir hören zusammen ausgeleierte Märchenliederkassetten, beim superdüsteren Lied von der Unke leiert die Kassette so sehr, dass ich mich grusele. Manchmal mache ich mit Mittagsschlaf. Es rollt Wüstengras an diesen müden Herbsttagen vorbei und ich koche Suppe. Mehr nicht. Mehr eigentlich nicht.

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this is a first

Ein Viertel aus einem Geburtstagsring aus Holz. in diesem Viertel stecken ein Holzeichhörnchen in rot, eine gelbe Holz-Eins, ein Holzstern mit 8 Zacken und ein Bilderhalter in dem ein Foto klemmt, auf dem ein Baby, so in eine Decke eingewickelt, dass nur das Köpfchen rausguckt, ein Bär und eine Frau zu sehen ist, die danebenliegt und lächelt. Der Ring steht auf einem Birkenholztisch, dhinter eine große Vaße mit trockenen Ästchen darin und daneben ein handbreites Holzeichhörnchen, auf dessen Schwanz eine brennende weiße Kerze sitzt.

Ich weiß nicht, was ein Jahr ist. Ist es lang oder kurz? Tag reiht sich an Tag, das ist alles. Ein Tag vor einem Jahr.

Aufwachen mit Wehen, die fein sind und verschwinden, sobald ich wach und aus dem Bett bin. Mein Abiturzeugnis aus der Schule holen, ich habe es verloren und die Sekretärin muss die Noten handschriftlich eintragen. Pralinen dabei, Dankeschön. Mit dem Auto in die Innenstadt, wofür, ich weiß es nicht, es ist Sommer und ein Fahrradfahrer fährt am Schauspielhaus gegen einen Bauzaun aus Holz. Notfall. Erstversorgung, Angela Merkel wirbt in der Stadt um Stimmen. Bei Anbruch der Dunkelheit sagen die Wehen wieder hallo, ich will nicht in die Wanne, um nicht enttäuscht zu sein, falls sie sich auflösen. Ich will nicht ins Krankenhaus und warte und atme.  Sitze am Desktop-PC, lese. Ein bisschen mitdenken an Sätzen für diese Rede, sich auch mal Tisch festhalten müssen und singen statt atmen. Lalala für jeden Schmerz, je tiefer, desto au. Als ich mich davor fürchte, beim kurzen Weg durchs Treppenhaus laut zu trällern, ist es Zeit. Im Autoradio Wouldn’t It Be Good von Nik Kershaw, wir überfahren eine rote Ampel und ich merke es nicht mal. Dann wartet man, wird verstöpselt, wartet und soll sich nicht bewegen, für den Wehenschreiber, wartet und soll sich nicht bewegen beim Ultraschall. Wehen, unnötige Fummelei, 7 cm. Glück mit der Hebamme, die Ball und Hocker und dings holt, ohne dass ich fragen muss, ich wär nicht von selbst draufgekommen. Glück mit der Hebamme, die Schmerzmittel gibt ohne Diskussion. Nicht ausrutschen in der geplatzen Blase, so wenig Körperkontakt mit dem Boden wie möglich, durch jeden Berührungspunkt schießen Schmerzblitze. Im Prinzip gebäre ich auf einem Knie. Dann kommt der Kopf, die Wehe geht, wir hängen fest. Ich bitte um Tee, die Hebamme lacht, staunt, ’natürlich‘, ich greife nach der Tasse. Sie dreht sich zur Ärztin, sagt, dass sie das noch nie erlebt habe. Ich bin cool, nippe am Tee. Ich bin cool, presse das Baby raus und als es unter mir liegt, die Augen auf, es guckt und bewegt sich, sage ich als erstes: „es lebt!“ Dann wird es draußen hell und mir kalt, Wild im Scheinwerferlicht mit Blitzeis. Klitoriss und viel mimimi um Näherei. Ein Babystart wie mit Rollschuhen auf Bananenschalen ausgerutscht. Eine Geschichte im Dunkeln mit Taschenlampe unterm Kinn zu erzählen.

Fast forward >> Vorzeigestandardbaby, das mit einem Jahr läuft, das seit hundert Jahren durchschläft, das seinen Brei isst und den Eltern die Pantoffeln an den Sessel bringt. Keine Vorzeigestandardmama, aber wir üben Asymptote und nähern uns an. An Lucas Geburtsminute schlief dieses Kind und ich zwang mich aus dem Bett in die Uni. Dieses Jahr, der erste Geburtstag dieses Babys und alle liegen im Bett und alle dürfen da bleiben und schlafen. Stelle mir vor, wie ich jetzt NICHT wegfahren, NICHT an etwas oder jemanden geklammert Wehen veratmen, NICHT an einer Geburt arbeiten muss. Ich hab frei und kann ausschlafen und mich unter die Decke kuscheln. Ich will das genießen, perfektes großes Baby neben mir – the Job is done. Und dann kann ich nicht einschlafen, weil meine Füße so weh tun (schöne Schuhe ohne Einlagen) und es fühlt sich an, wie vor einem Jahr, als ich mein zweites Knie kurz überm Boden hielt. Nicht mit den Füßen an die Decke kommen. Über kurz oder lang von einem Tag auf ein Jahr kommen und wieder zurück. Herzlichen Glückwunsch zum 1. Geburtstag, schönes Kind.