ein Jahr

Zwei erwachsene Menschen in gestreiften Pullovern sitzen vor einer weißen Wand und lächeln. Er, links, hält ein in eine grüne Decke gewickeltes Baby, sie hat eine Kaputze mit Öhrchen und hält eine Sachertorte, auf der eine grüne Kerze steckt.

Heute früh um sieben aufwachen, die Augen reiben, in Viertelschlaf nach Kaffee langen, da liegt ein Säugling neben mir im Beistellbett, angezogen, nicht eingewickelt, und schläft. Vor einem Jahr um sieben auf einem Kreissaalbett liegen, im eigenen Blut und wieder zugedeckt, ein klebriges, warmes, nach Salz riechendes Bündel im Arm. Ich bin müde, weil ich um acht im Seminar sein will, aber lieber ausschliefe. Ich war viel müder, als ich nach einem langen Krankenhauswochenende nicht schlafen konnte vor Wehen, und vor der Kreissaaltür saßen müde Menschen aus dem Internet und warteten die Nacht durch bis in den Mittag. Ein Jahr ist es her, dass ich ein totes Baby gebar. Wie warm und licht der Oktober war.
Ich bin jetzt nicht traurig wie ich damals nicht traurig war, ich gehe Verletzlichkeit aus dem Weg. Könnte traurig werden bei den Couldhavebeens, weil alles so perfekt war: Der Zeitpunkt. Das Kind. Abgesehen davon, dass es nicht perfekt war und deshalb nichts perfekt sein konnte. Aber kein Weinen, eher so „oh“. Ich erinnere mich gern zurück, erinnere mich leichter an das, was schön war. Weils weich war: Ein Aufgehobensein. Gesehen werden, in Watte fallen. Statt vorgekochtem Essen brachten Postboten Karten und Kekse und hundertviel mehr in den Meatspace, wurden wir vom Internet umarmt. Nachträgliches Danke mit den weitesten Armen der Welt. Wir haben heute ein Familienfoto im Friedwald gemacht, in dem das Keimlingskind jetzt rumhängt. Zu viert, sozusagen. Den Herbst mehr gernhaben lernen denn je.

ui, Uni

Foto von Street Art: in Versalien "I AM YOURS", darüber eine simple Lesebrille gemalt, wie mit dickem Edding.

Heute ist Schulanfang. Ein neues erstes Semester. Der Ranzen ist gepackt, die Schultüte fehlt noch.

Nach vier Jahren Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus ohne Abschluss probiere ich was neu. Das waren drei Jahre in Hildesheim, danach ein Jahr Reproduktionsfähigkeiten meines Körpers ausprobieren Pause in Frankfurt. Hier fang ich heute mit American Studies und Soziologie an und bin sehr aufgeregt.

Hildesheim war ein kleiner Schreibkreis, war hipsterige Provinz, war freundlich und prätenziös, ein Probierfeld mit Schafen auf dem Weg in die Seminare. Ich habe einige Scheine gemacht und viele Seminare besucht, ohne die erforderliche Leistung zu erbringen oder zu beweisen, dass ich die erforderliche Leistung erbracht habe und die Unterschrift dafür abzuholen. Hab ein paar gute Noten bekommen und mich meistens nicht in Situationen getraut, in denen es Noten hätte geben können. Hatte oft ein Gefühl von „Ey Uni, wie gehtn des?“ aus dem „Hmpff, lieber nich“ wurde.

Aber nicht nix geschafft: Ich habe bei Büchern und Fahrten mitgemacht, wollte von Anfang an mit allen befreundet und Teil von allen tollen Projekten und in Gremien sein. Wollte gesehen und liebgehabt werden (don’t ask), war selbst voller Liebhaben. Wollte in einer richtig studentischen WG wohnen, in einem Altbau mit einer Küche, in der man frühstücken und über Texte reden kann. Wollte angenommen sein und Sachen nicht für den Credit sondern für die Sache machen. Wollte das Studium und den Ort dazu komplett aufessen. Ich war ehrgeizig und herzlich, gab mir Mühe inklusiv zu sein und mich auszukennen, wurde ängstlich und gleichgültig, ließ jedes Ding aus der Hand fallen und hobs nicht wieder auf.

What now?

Nach einem Jahr drinnen sitzen, nach fast nur schriftlich kommunizieren die Orientierungswoche geschafft. Frankfurt ist eine supersaubere Riesenuni, historisch, irgendwie noch links (whatever that means), anonym, vor der Tür und ständig stolpere ich über Leute aus der Schule. Eine Stadt neubegreifen, in der ich aufgewachsen bin. Einen Campus ertasten, auf dem mein Abiball stattfand. Richtig lernen, was ich im Netz antaste.

Am allerallerallerliebsten wollte ich eigentlich Gender Studies studieren. Das wollte ich schon, als ich in Schweden zur Schule ging; da hieß das Genusvetenskap und ich nahm an, dass es das in Deutschland gar nicht geben könne. Hatte im ersten Semester in Hildesheim so eine Lust auf Gesellschaftswissenschaften, dass ich bei den angehenden Lehrer_innen Seminare belegte. So richtig gibt es Gender Studies aber weder in Frankfurt, noch im Rhein-Main Gebiet und in ganz Hessen nicht. Bielefeld, Freiburg, Göttingen, natürlich Berlin (shakes fist!). Alles so weit weg, denn ich wohn hier jetzt für länger. Also Soziologie, das ist nah dran. Und American Studies, weil ich so viele kluge und empathische feministische Leute aus den USA lese, ich mir mehr Kontext zu den Widersprüchen und Hoffnungen in ihrem Leben wünsche. Und wie nix ein Auslandssemester dahin. (Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich die Hauptfach-Nebenfach-Folge richtig gewählt habe.)

Aber wie geht denn das jetzt mit dem Studieren? Also so, dass man fertig wird & mutig bleibt, dass die Hände es tragen können und nicht loslassen? Wie geht das mit Kind? Was mehr ist als die Frage, wo man es bei Uni-Veranstaltungen lassen kann; das Kind geht nicht weg, wenn man sitzt, liest, lernt, das Kind will was, wenn es nicht schläft. Wie kann das werden? Wie wird es leichter? Und wie geht es, wenn man so schüchtern ist, dass es eine_n aufisst und die Menschen viele sind? Wie geht das, wieder Teil des öffentlichen Lebens sein, einen festgelegten Tagesrhythmus haben? Wie nicht Angst haben?

Ich hab Schiss und Wünsche und freu mich. Will lernen, will offen sein und sehen. Will mutig sein und klug werden. Wünsch mir Euphorie und Lust und auch ein bisschen Fleiß. Will mich ins Studieren reinlieben können und dass es mir egal ist, ob ich zurückgeliebt werde. Und wünsch mir Anke Gröner als Patronus für mein Studium.

Was habt ihr an Rat? Was würdet ihr anders machen, im Nachhinein oder so währenddessen? Was würdet ihr überhaupt machen? Und wie ist euch euer Studium gelungen? Will Hinweise, wie es besser geht, sie in meine Schultüte füllen und es dann versuchen.

Hui, Uni! (Hurra!)