Leichtigkeit

Eine Decke, ein Kuvert, ein bleistiftbeschriebener Zettel, ein Kranich und Lumpi, der Golden Retriever-Welpe von Sue. Wir besuchen die Pietät nach einem Tag Aufschub wegen akuten Neinichbinnochnichtbereits, um Papiere zu unterschreiben, dem Saarländisch des Sachbearbeiters zuzuhören, ihm die letzten Dinge mitzugeben, damit sie unserem Kind in die Sargschachtel gelegt werden (weißlackierte Pappe, 25€). Zu spät gefragt, was ich noch dazugeben könnte, um es tun zu können; nicht zu spät, um die guten Ideen aufzulisten: ein Stück eigener Kindheit, einen Schnuller als „Ruhesauger“, ein Vorlese- oder Bilderbuch, Süßigkeiten, ein Shirt, das nach Eltern riecht, ein Foto der Eltern.
Der Sachbearbeiter telefoniert mit dem outgesourcten Unternehmen, das die Toten abholt (190€ pro Fahrt), wir machen aus, dass ich die Sachen selbst in die Schachtel legen darf. Wir machen aus, dass ich unser Kind sogar selbst umbetten und einsargen (sonst 85€) darf. Ich freue mich, als sei ich zum Meet & Greet mit einem Star eingeladen.
Der Leichenwagen vor der Pathologie des Krankenhauses, ein Familienauto mit beigen Jalousien. Die Fenster am Eingang, nicht isoliert, es zerblättert. Der Warteraum mit Kapellenfenstern, vertrockneten Blumen, einem gekippten Holzpodest für Erwachsenensärge, Fliesenboden. Warten mit einem stillen Mann, der die Hände faltet und einem schönen Blonden mit Brille, der spricht. Anzug und Krawatte, beide. Wir ziehen unsere Taschen, ziehen unsere Jacken aus. Der lange Metallwagen unter grünem OP-Tuch, Fußende zuerst hineingeschoben, dann lange nichts, dann Kind am Kopfende, kissengroß und zugedeckt. Ich kremple die Ärmel hoch. Die Sargschachtel, nicht wie in der Pietät ausgestellt sondern ohne Matratze, bloß Karton. Wir nehmen die Decke und machen ein Kissen daraus, zum Ersatz. Das Kind, mit Flecken im roten Gesicht, Schimmelgeruch. Ich decke es auf, schiebe eine Hand unter den Rücken, hebe es rüber. Das Kind, hart und schwer. Das Kind, schön wie immer.
Den Kranich neben das Köpfchen. Den Brief zu den Füßen. Den linken Arm Lumpi um den Hals gelegt. Mehr nicht. Wir nehmen uns in den Arm, ich nicke, der Blonde mit Brille legt den Deckel auf die Schachtel. Der Pathologe, Glatze, Bart und seine Brille nicht auf der Nase, verneigt sich wie zur Entschuldigung. Ich lächle, die ganze Zeit. Es ist leicht. Es ist so leicht. Auf dem Rückweg fährt der Leichenwagen ein Stück neben uns her; wir winken, bis er abbiegt.

7 Gedanken zu “Leichtigkeit

  1. ich kann mich nicht erinnern, je von jemandem im netz (nein, überhaupt, überall) gelesen zu haben, dessen fremdes leben mich so berührt hat; was nicht schwierig ist, so wie du darüber schreibst. aber ich kann mich nicht erinnern, jemals jemanden auf diese art schreiben gelesen zu haben. wenn ich heldInnen wählen müsste, wärst du eine davon. ich wünsch dir so sehr das tausendfache zurück von dem, was du geben musst und mit worten hergibst. und dass die art, wie du damit umgehst, sich irgendwann als die richtigste herausstellt (und wenn es nur das gefühl ist, dass es das richtigste war). für leichter erfüllbare wünsche benutz ruhig meine emailadresse. (tu dir keinerlei zwang an)

  2. Ich stimme „s“ in allen Punkten zu! Eigentlich wollte ich nicht kommentieren und auch auf Twitter verhielt ich mich immer still aber nun melde ich mich doch zu Wort, aus einem einfachen Grund: Das Gefühl als Dir völlig fremde Mitleserin irgendwie heimlich durchs Schlüselloch zu schauen, ist mir unangenehm.
    Ich möchte Dir nun sagen, dass ich mich verneige vor soviel Stärke. Keine Ahnung, wie Du die Kraft aufbringst, dieses Schicksal, die Tragödie (ich finde nicht das richtige Wort) mit so viel Poesie, Leichtigkeit, Humor und Offenheit bewältigst. Ich danke Dir sehr dafür, dass Du mich teilhaben lässt. Mir stockt so manches Mal der Atem und ich fange an zu weinen. Mein Mann findet, dass ich zu sensibel bin und lieber nicht mehr lesen sollte, was Du uns zu sagen hast. Von den Fotos von Luca (wunderwunderschön) ganz zu schweigen. Ich werde es dennoch nicht lassen und die Bilder sind eh in meinem Herzen eingebrannt. Bei jeder Umarmung, bei jedem Kuss von meinem Sohn (fast 4) durchstömt mich das Gefühl von Glückseligkeit, mehr denn je und ein „Schön, dass es Dich gibt.“ (Egal, zu wem gesagt) hat 1000x mehr Gewicht durch Dich! Nochmal Danke aus tiefstem Herzen.
    Du und der Mann der Dich liebt, ihr seid tolle Eltern. Ihr werdet es vielleicht ja irgendwann noch für ein anderes Kind und das-da bin ich mir sicher-wird das glücklichste Kind der Welt sein.
    Mir fehlen -verdammt nochmal- die richtigen Worte! Was ich geschrieben habe klingt so profan… Dabei laufen mir die Tränen übers Gesicht.
    Ich werde, wenn ich darf weiterhin an Deinem Leben (im Internet) teilhaben.
    Ich glaube zu wissen, dass Du ein ganz besonderer, wunderbarer Mensch bist. Schön, dass es Dich gibt!

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