Sommerferientagebuch, VII

Wenn man einen Spritzer Waldmeistersirup in das Wasser für Eiswürfel gibt, schmecken sie, nachdem man das meiste vom Saft ausgesaugt hat, nicht mehr nach gefrorenem Leitungswasser, sondern nach frischem Schnee. Einen Mund voll nehmen.

Ein Carepaket bekleben, füllen, adressieren. Hoffen, dass es nicht am Frankieren scheitert, oder daran, den Weg zum Briefkasten nicht hinzubekommen.

Nur Wasser trinken, um Eiswürfel darin knacken zu hören.

Hier fehlt Licht.

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purl vs. Perl

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Stricken ist wie Coden, ist so, wie ich mir Coden vorstelle. Ein Buchstabenmuster, das in eine Grafik umgesetzt wird, die Anleitungen kleine Intelligenztests. Wie ich schwitze, bis ich verstehe, dass alles viel einfacher ist. Knitting is poetry. Dann alles in Mustern sehen. Basslines sind gestrickt, bestimmt. Habe Ausschlag an Händen und Füßen, ein Perlmuster. Falten vom Denken und „knit, purl, knit, purl, knit, purl, purl, yarn over, knit“ als konzentriertes Mantra, das vom Juckreiz ablenkt. Mit ihren Symptomen sind Schwangerschaften schlecht geschriebene Programme, das Betriebssystem schießt Abwehrreaktionen. Fehler ohne Funktion. Nur muss nicht alles einen Sinn ergeben. Es muss nicht jedes Muster gelingen.

Sommerferientagebuch, VI

Seife nach pipi-leichtem Rezept von Frau Liebe gemacht. Nur nicht in Kugeln sondern so verschiedenfarbig herzförmig in eine Silikonschale hinein. Das ist eine gute Sache, die Hände werden nach jeder Farbe super sauber, immer wieder Seifenschaum abwaschen. Die Wasserfarbreste goss ich zu sammen, orangerot, das kam in eine Vase und färbt vielleicht die weißen Blüten im Strauß.

Schon zwei mal alleine Fahrrad gefahren. Es ist anstrengend, aber nicht schlimm.

Von der Geburt meiner Tochter geträumt, oder dem danach, in einem Dachzimmer. Sie lag einfach so neben mir, nackt und auf dem Bauch und war staunenswert klein. Ich stieß sie an, als mir auffiel, dass ich ja mal was machen könnte. Ihre Beine zappelten, also am Leben. Lag ab dann auf meinem Bauch, war immer noch klein und so wunderschön, dass ich im Traum wiederholte, wie wunderschön sie ist, ohne einmal zu zweifeln. Wenn es ein Mützchen gab, ist es ihr vom Köpfchen gefallen, das weiß ich nicht mehr. Aber ich traute mich, sie ganz anzusehen, und da war Haut auf ihrem Kopf und Haar auf dieser Haut. Hinten, unter der Haut, war das Köpfchen weich, wie ohne Knochen. Und dann Haar, starkes schwarzes Haar am Rücken und runter zu den Beinen. Ein Bärenkind, ganz der Papa. Ich habe vergessen, auf die Uhr zu sehen, dead baby slide shows nennen die Minuten genau (silent competition), ich nahm an, es war eine Viertelstunde, aber ich weiß es nicht. Danach noch Zeit mit ihrem toten Körper, der fester wurde und dunkler und sie in Kleidung.

Zwei Filmrollen abgegeben, Passfotos gemacht. Für Bewerbungen, die ich doch nicht geschrieben habe. Pro-Tip: die Fettflecken vom Bildschirm des Passbildautomaten wischen. Vorher.

Erster Versuchsbesuch seit sieben Jahren bei der lokalen Gruppe der politischen Jugendvereinigung meines Vertrauens. Ich sag mal „hostile“ als mir das deutsche Wort nicht einfällt, eine andere sagt später selbstverständlicher „hesitant“. Ich nehme das als gutes Zeichen. Nächste Woche werden wir basteln.

Sommerferientagebuch, V

In einem Nachbarhaus übt jemand Cello. Ich erkenne nur an der Tonleiter zu Beginn, dass es sich um Üben handelt. Manchmal Pausen in dem, was Etüden sein könnten. Immer weich und ein festes Seitenschwingen,. Ich möchte mich unter den Stuhl legen, auf dem der Körper mit der Bogenhand sitzt.
In unserem Haus übt jemand Jagd- oder Waldhorn. Das ist leichter als Üben zu erkennen. Wie oft ich Geige übe, kann man mir an den Fingernägeln ablesen.

N. ruft an, ich gehe ans Telefon. Ich soll Geld bei ihrer Fahrschule vorbeibringen, damit die praktische Prüfung am nächsten Tag nicht abgeblasen wird. Das Fahrschulbüro schließt in einer halben Stunde, ich muss mich sputen und bin so froh, den Anruf entgegengenommen zu haben, rechtzeitig helfen zu können, dass ich das Telefon nicht klingeln ließ. Abends klingelt sie an der Tür, wir tauschen Quittung gegen Geld. Der, den ich liebe, macht ihr Walnussnudeln warm, spielt ihr Mustapha von Queen vor. Sie lacht so sehr, dass wir besorgt sind, sie weine. Er noch mehr als ich, ich will ihn beruhigen. Sie zu beruhigen wäre schade, es ist ein schönes Lachen.

In Überlegungen dazu, wie man Heteronormativität nicht reproduziert, ist N. ein Haltepunkt. Meine Idee: Was man sich draußen mit Freund_innen des gleichen Geschlechts nicht traut, muss man mit seinem_seiner Heteropartner_in draußen nicht machen. Mit der Frage „Würde ich das auch zusammen mit N. machen?“kann ich mein Heteroverhalten (what I do, not what I am) reflektieren. Solange ich mit einer Freundin in der Öffentlichkeit schmusen oder Händchen halten kann, wir uns Küsse auf den Mund geben können, kann ich das auch mit dem, den ich liebe.

Auf dem Baum gegenüber sitzen zwei Tauben auf einem Ast und klauen sich gegenseitig den Kaugummi aus dem Schnabel. Es sieht grob aus, aber das liegt am Material ihrer Münder.

grown-up now

Es klingelt an der Tür. Die Gegensprechanlage spinnt, ich drücke den Summer, um die Haustür aufzumachen, öffne die Wohnungstür, gehe ins Treppenhaus. Ein Mann ruft von ganz unten „Hallo, hallo“, ich rufe „Hallo“ zurück, vermute den Paketboten, denn meine Cis-Mutter hat Päckchen angekündigt. Er ruft noch mal „Hallo“, ich sage nichts und warte. Ich möchte nicht drei Stockwerke nach unten laufen, der soll schon selber kommen, wenn er was will oder was zu tragen hat, und strecke meinen Bauch ein bisschen raus, um das zu legitimieren. Es geht PA-RUMMS, PA-RUMMS, PA-RUMMS, vielmal sieben Stufen, da wird was Schweres mit einem Sackkarren hochgewuchtet, bei Waschmaschinen klingt das ähnlich. Ich bin verwirrt, als er oben steht, zwei riesige Pakete aufeinanergestapelt, wir haben doch schon einen Kühlschrank. Meine Cis-Mutter wird hier doch keinen Kühlschrank zwischenlagern wollen, das wäre sehr unpraktisch. Oder eine Verwechslung? Ich will auf den Adressaufkleber schauen, der Paketbote will wissen, wo in der Wohnung er die die Pakete hinstellen soll, wir kommunizieren aneinander vorbei. Das ist mein Name auf dem Klebefeld, ich gehe aus dem Türeingang, ich unterschreibe, er trägt mir die Sachen in den Flur, weil ich nichts gesagt habe. Er zeigt auf sich, sagt „Nikolai, habe auch zwei Kinder“, zeigt auf meinen Bauch, rät mir vorsichtig zu sein mit den Paketen, verabschiedet sich. Ich umschleiche sie, inspiziere sie, lese, was drin sein soll und kriege einen Schreck. Kann das wahr sein? Ist das ein Scherz oder ein Geschenk? WaszumohduheiligeScheißewiegroßartig!

Meine Cis-Mutter findet, nur weil man erwachsen ist, soll man nicht auf solche Vergnügen verzichten sollen. Liest sie xkcd? I’m a grown up now. Und brauche ein größeres Becken, denn da passt nur die Hälfte der Bälle und nur ein halber Mensch rein und ich will mit vielen zwischen Bällchen sitzen und buddeln und kuscheln und Süßigkeiten suchen. Uiuiui.

Sommerferientagebuch, IV

Die Mädchenmannschaft wird 5, ich will hinfahren und Kuchen essen. 5 ist ein gutes Alter zum Basteln, Geburtstag ist ist ein guter Anlass für Geschenke, ich will einen Geschenkbastelworkshop geben. Acht oder zehn oder ich weiß noch nicht wieviele Tage später kommt mein Baby. Es wird nicht 5 werden können. (Haha, Minuten, vielleicht Stunden.)

Ich sammle Bastelsachen, ich klebe und schneide und falze und probiere, was mit buntem Papier so zu machen ist. Fitzelarbeit, ich wünsche mir Kinderhände mit Erwachsenengehirn. Was ich mache wird schön, ich will nur lieber Sachen machen, deren Produktion vergnüglicher ist, als das Ergebnis anzuschauen.

Beim Frühstück bekomm ich den Deckel von Christians Erdbeer-Kumquat-Einmachglas nicht auf, ich versuche, es mit einem Buttermesser aufzuhebeln, rutsche ab und stoße mir dessen Zähnchen ein ganzes Stück in den Zeigefinger. Blut und so. Beim Basteln ist noch alles heile geblieben. Jaja.

 

Sommerferientagebuch, III

Das Foursquare des Schwangerschaftserbrechens, ich markiere mein Revier. Das erste Mal mitten in die U-Bahn, Hand vor den Mund, hilft alles nichts. Zu wimmerig für logische Schlussfolgerungen: ich hatte Tee aus frischer Pfefferminze als Frühstück, schaue auf meine nasse Hand und denke „Oh, Spinat“.

Ringelmiez hat Geburtstag, die lässigsten Bräute kommen zu Besuch und ich werde mitgenommen, bin auch eingeladen. Ein großes, warmes Hurra. Wir geben uns High Fives, bestreichen Pizzaunterseiten mit Knoblauchbutter, üben uns in der schönsten, klügsten, witzigs- und herzlichsten Überfressung. Abends schlafe ich auf dem Sofa, der Hauskater ruht auf der Sofalehne über mir.

Balkonblumen verblassen. Was mal Kupfer war ist jetzt orange, wird hellgelb. Vom Regen ausgewaschen? Wie wunderlich. Sonnenblumen spucken auf den Tisch. Wir sind uns ähnlich.