mig-Rant

Versuchsmäßige Meisterin der schlechten Wortspiele, die ich bin (klopfe mir gern selbst die Schenkel), steh ich trotzdem drauf, wenn präzise gesprochen wird. Calling out someone based on analysis. Bin ich Fan von. Oder: Sachen benennen können. Sachen richtig benennen können. Und nicht Sachen nennen müssen, die ja mal überhauptgarnicht für das Gespräch wichtig sind. Zum Beispiel nicht so: Sitzen ein paar Leute zusammen, die sich unterschiedlich viel kennen. Keine Superbestefreunderunde, aber alle meinen es nett miteinander. Und weil alle es so nett miteinander meinen, sagt auch niemand was Böses, als die zwei Schätzchen von Sätzen passieren:

  1. zu Person A: Was bist du eigentlich?
  2. zu Person B: Du bist Inderin? Das sieht man dir gar nicht an.

Zu 1: WTF? Erstmal die Verdinglichung im Fragewort. Objectification, anyone? Es ist immer eine Möglichkeit „ein Mensch!?“ darauf zu antworten, aber wer gefragt ist, weiß was gemeint ist und will vielleicht nicht Spielverderber sein. Also eine Nationalität nennen, die nicht zwangsläufig im Pass steht und als Identifikation mit der Erwartungshaltung  der Frage konform geht. Da kann man eine noch so vielspinnige Familienzusammensetzung und Wohnorterfahrung haben, um die geht es gar nicht. Die Frage ist Anfrage, ein (ver)einfach(t)es Label geliefert zu bekommen. Seriously: Muss das sein?

Zu 2: WTF? Was sind denn bitte Antwortmöglichkeiten auf sowas? „Oh, danke!“ oder „Wirklich, findest du?“ Wie wäre es mit: „Interessant, dass du deine eingeschränkte Ansicht darüber, welche optischen Facetten für meine Ethnizität typisch sind, mit mir teilst“ oder „Cool, dass du definierst, wie Inderinnen aussehen und ich deiner Definition nicht gerecht werde“ oder „Wieso ignorierst du in deiner Zuschreibung meine anders lautende Staatsangehörigkeit?“. Der Kommentar kein Kompliment (und wenn er eins wäre, wie abgefuckt!), er ist nur eine Verlautbarung eigener Vorurteile und wie das Gegenüber diese Vorurteile nicht bestätigt. Seriously: Was soll das?

Es ist pupsegal, dass die Sätze mit freundlicher Neugier gestellt werden. Ich kotze, aber in mich rein. Ein Ding ist: wenn die Fragen von Leuten gestellt werden, die jahrelange linke Politikerfahrung haben, dann kann ich nicht recht glauben, was ich gehört hab, und fühl nicht als Nicht-BFF auch nicht berechtigt, die zu schimpfen oder einen Tag später im Privaten darauf hinzuweisen, warum das blöde unnötige Sätze sind. Das andere Ding: ich komm mir auch nicht gerade berechtigt vor, Anwältin der Gefragten zu spielen und für sie zu sprechen, wenn ich nicht weiß, wie okay das für sie ist oder nicht, und will auch keine Szene machen, wenn die das nicht wollen. (Ich trau mich ja schon nicht, eine Szene für mich selbst zu machen, aber das steht auf anderen Blättern.) Also nur so rumkotzen? Was tun?

Request: Strategies for shy people to further social change in everyday life

Dann eine Addition in Sachen Präzision: Ich bin ein „Mensch mit Migrationshintergrund“. Funny thing.
Wenn Menschen, denen ich so in echt und im Fernsehen begegne, den Begriff benutzen, meinen sie unterschiedliche Dinge, die weit über die allgemeine Definition des Statistischen Bundesamtes hinausgehen. Demnach, und ich zitiere ein Zitat von Wikipedia, meint es „alle nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem nach 1949 zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil“.
Der Begriff ist so weit, er reicht als Kategorie für IGENDWAS nicht aus. Er ist so groß, dass er weiße bildungsprivilegierte Mittelschichtsmädchen ohne vom Deutschen abweichende Mutterspracherfahrungen miteinschließt. Er wird nicht nur als eine als höflich schlecht verkleidete Form, „Ausländer“ zu sagen benutzt, und alle wissen, was gemeint ist (Subtext, my ass!), er ist scheiße unpräzise und funktioniert nicht. Warum etwas benutzen, das nicht taugt? Warum, (es ist fast albern!) wenn man verallgemeinernd über eine Gruppe mit bestimmten Eigenschaften spricht, einen Begriff benutzen, der diese Verallgemeinerung noch weiter verwischt? Warum das überhaupt als Kategorie oder Beschreibung nutzen?
Wie die Fragen von oben: Lieber lassen. Seriously.

8 Gedanken zu “mig-Rant

  1. Mensch mit Migrationshintergrund meint, soweit ich mitgelauscht habe, meist eben nicht einfach Ausländer_in sondern steht für »Mensch mit Migrationshintergrund, der irgendetwas macht was mir nicht gefällt« beziehungsweise »Mensch mit Migrationshintergrund, der völlig unerwartet etwas ganz tolles macht«. Anders gesagt: Menschen mit Migrationshintergrund sind meistens die, die gerade auffallen.

    Sein lassen, sowieso (nicht das Auffallen, bitte schön).

  2. Na aber was meinst du denn genau, wenn du an »Mensch mit Migrationshintergrund, der völlig unerwartet etwas ganz tolles macht« denkst?
    Das Auffallen ist noch an was anderes geknüpft, das mit dem Auffallen selbst nur so mittelviel zu tun hat/nicht wirklich mit dem Begriff „Migrationshintergrund“ as defined by Statistisches Bundesamt zusammengehört.
    Mir begegnet der Begriff entweder so, dass nichtweiße Menschen damit gemeint sind undoder Menschen, die mit „Kultur“ begründet (selten selbstdefiniert) Sachen machen, die abweichen. (Boah, abweichen ist jetzt auch arg unpräzise.)
    Beispiel, nur ein paar Tage alt: Um zu erklären, warum es nicht leicht/nicht möglich sei, Jugendlichen zu vermitteln, dass die eigenen Kinder schlagen nicht cool ist und geschlagen werden nichts ist, womit man sich abfinden muss, bekam ich erzählt, dass es sich um Jugendliche mit Migrationshintergrund halte, da sei das in den Familien akzeptiert, werde als richtig angesehen. Ist ein Migrationshintergrund wirklich der ausschlaggebende Faktor dafür?

    • Die sprachliche Verwendung im Alltag ist, so scheint mir, (inzwischen?) unabhängig von den Definitionen des Statistischen Bundesamtes. (So etwas in der Richtung hatte ich ursprünglich in meinem Kommentar drin und habe es dann gekürzt.)

      Mir ging es darum darauf hinzuweisen, dass Migrationshintergrund nicht »als höflich schlecht verkleidete Form, ›Ausländer‹ zu sagen benutzt [wird]«, sondern an spezifischeren Stellen auftritt. Wie du es etwa in deinem Kommentar dargestellt hast oder eben auch abweichen von negativen Vorstellungen auf positive Art, zum Beispiel (huiuiui) Abitur haben, Muslima sein und Kopftuch tragen.

      Konsequenterweise sollte ich nun anfangen zu belegen auf welche Arten Ausländer_in gebraucht wird.

  3. Eigentlich abgefahren, dass der Begriff an spezifischeren Stellen auftritt, wo er doch so viel unkonkreter ist.
    Und superproblematisch: für »Mensch mit Migrationshintergrund, der irgendetwas macht was mir nicht gefällt« gilt, dass der Migrationshintergrund, also das, was er eigentlich ist, nur eine Rolle spielt, wenn man ihn mutmaßlich am Aussehen ablesen kann (die rassistische Komponente des Begriffs) oder ihn an Eigenschaften abliest, die nicht als, hm, westlich (wieder unpräzise) gelten (Beispiel Kopftuch). Bei Menschen mit Migrationshintergrund, die nicht auf diese Weise als „anders“ indentifiziert werden (können), spielt er keine Rolle; wenn sie etwas machen, das auffällt/nicht gefällt, wird es nicht mit Migration in Verbindung gebracht. Ebenso wenig wie bei Deutschen ohne Migrationshintergrund.

    Anekdote: Ich bin im Sozialkundeunterricht in Schweden, als deutsche Austauschschülerin. Wir Mädchen sollen uns in zwei Gruppen aufteilen, so ungefähr „Svenskarna“ (Schweden) und „Invandrare“ (Einwanderer). Ich überlege und gehe zur Einwandererinnen-Gruppe. Ein (weißes) Mädchen aus meiner Klasse sagt mir, ich solle mit ihr in die Schwedinnengruppe gehen, ich sei ja viel mehr schwedisch als Einwandererin. Das war kein Du-hast-dich-so-gut-eingelebt-Kompliment. Egal wie viele Jahre die anderen Mädchen in Schweden gelebt haben oder ob sie da geboren wurden oder vor wielange ihre Eltern ins Land kamen, ich als weiße Deutsche, die nur ein paar Monate da wohnt, werde als schwedischer akzeptiert. (la la la la – Racism)

    These, so allgemein: die (faktisch und, äh, moralisch) falsche Verwendung des Begriffes „Mensch mit Migrationshintergrund“ ist eng verknüpft mit der (semantisch und gesellschaftlich) falschen Verwendung des Begriffes „Integration“.

  4. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Schminke, Kekse, Schmierereien – die Blogschau

  5. Die Frage ist aber, was soll man stattdessen sagen? Also ich meine, klar, bei den meisten Themen ist es am sinnvollsten, es komplett wegzulassen (Beispiel Bild, die grundsätzlich die angebliche Nationalität von Verbrechern dazu schreibt, außer es waren deutsch-aussehende). Aber was ist, wenn ich zum Beispiel sagen will „im Wahlkampf in Berlin hingen Plakate von der NPD mit Ausländerfeindlichen Inhalten an Laternenmasten“? Ich meine, die, die da gemeint sind, sind ja nicht nur Ausländer, und die NPD ist auch nicht feindlich gegen *alle* Ausländer. Was sagt man dann? „Menschen, die von anderen häufig als ‚ausländisch‘ wahrgenommen werden, unabhängig von ihrer wirklichen Nationalität oder Herkunft“? Um das zu meinen schreibe ich meistens „Ausländer“ in „“, aber das ist natürlich auch nicht wirklich eindeutig.

  6. Wie wäre es mit dem Begriff rassistisch? Denn klar erkannt, es geht bei solchen Inhalten nicht um die Staatsbürgerschaft oder um Selbstdefinitionen, sondern um sowas wie Ethnizität. Die Adjektive „ausländerfeindlich“ und (noch blöder) „fremdenfeindlich“ sind Quatsch; und auch wenn ich an dem Begriff Rassismus manchmal rumzweifle, weil allein die Idee von „Rassen“ eine hmpfige Grundlage ist, glaube ich, dass er es am besten trifft.

  7. Ach, ach, es wäre so einfach. „Was bist du eigentlich“ ergänze man gedanklich mit „von Beruf“ und antworte entsprechend. Und ansonsten frage ich gerne: „Wo bist du aufgewachsen“ und „Welche Sprachen sprichst du“, um halbwegs einschätzen zu können, aus welcher Kultur mein Gegenüber kommt.

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