das zweite von vielen

Peter Bichsel: Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen

„Sie löste Preisausschreiben, kaufte eine Tafel Speisefett der Marke so und so, suchte den Namen der griechischen Friedensgöttin, erriet die Zahl der möglichen Teilnehmer und träumte von der versprochenen Reise nach Palma de Mallorca.
Und sie fand die Dinge nett, allerliebst und reizend.
Und ihr Bruder besuchte sie nie.
Und ihre Neffen schrieben ihr mit Widerwillen. Und sie glich mehr und mehr ihrer Mutter.“                                                                                             aus DIE TANTE

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Schnipselschnipsen.

#one

Kann das Fenster im Schlachtraum nicht transparent sein? Sodass man Sommerblätterrascheln auch sehen könnte und Sonnenfleckenspiegeln. Milchglas öffnet keinen Hoffnungsraum. Es ist sogar klebverknittert. (Ein Spaltbreit. Es ist immer einen Spalt breit. Da passt nur ein Arm durch, höchstens. Wenn man denn so hoch käme.)

#two

Brühe, und ich habe warmes Papier zwischen den Lippen, damit ich nicht auslaufe. Man hört sich nicht, gehört sich nicht. Wenn es mir kühl in den Schoß schwappt und trotzdem nicht Flecken wirft. Betonschwerer Samt, das merkt man nicht im Sitzen. Wie geht es weiter, wenn die Beinchen nicht mehr im Wasser hängen? Allein im Krümelteppichzimmer? Wie geht das weiter?

#three

Eine Landurlaubseinsamkeit, mit nachts in kalte, rotweißkarierte Decken (darin Daunen!) schlüpfen, weil man die Scheite nicht gehackt und mit ihnen nicht Feuer gemacht hat. Mit knackender Stille im Haus, die sich in Zirpen und Rascheln und Winden auflöst, wenn man die Tür öffnet, wenn man vom Flur in die Flur tritt. Es ist zu frisch.

#four

Nasser Schneckenschleim in der Nase, und Meersand. Gesammelte Sommermuscheln, wiedergefunden in einer verknoteten Tüte. Ihr Fleisch über die Monate gefault: Schimmlige Salzbrise & feuchte Sonnenase.

#five

Eine fast geöffnete Tür. Ein Spalt, der offen steht. Ich könnte meine Hand hinein stecken, gerade so, dass meine Haut das Holz knapp nicht berührte. Eine offene Tür. Fast eine geöffnete Möglichkeit. Dahinter schläft wer. Nicht meine Tür. Ich stecke meine Hand nicht in den Spalt. Einen Spalt breit offen. Wie eine Einladung. Ich müsste die Tür nicht aufdrücken. Bloß antippen. Oder es den Wind machen lassen. Ich würde nicht einbrechen. Ich würde einer Einladung folgen. Mich in ein fremdes Bett legen, einer Einladung folgend. Und die Tür hinter mir nicht schließen.

#sex

Pyjamaknisselig. Das Kissen zischt Dampf, wenn Wange und Wäsche, wenn Wange und Flaumhaut, wenn Wange und Sauberstoff sich treffen. Glatte Glühhaut und Kältekissen. Sommerharte Laken.

Dann: Backdiscounterwärme und Duftluft von süßen Brötchen. Bewegte Zeiten und Kaffeekörner zwischen den Zähnen. Ich halte Ausschau.

C’mon Kanon

I like.

Und entrümpele Goethe. (Habt ihr den vergessen? Der ist doch schon oller Epochenklassiker. [beim Namen genommen])
Wenn angefangen, lese ich ein Buch auch aus, das ist wie mit dem Teller, den man leerschleckt, obwohl man nie musste. Zum Beispiel 800 anstrengende Seiten Goldenes Notizbuch, sowas mach ich. Manchmal sind davon erst die letzten 20 Seiten gut für mich. Weiß man nie. Ich mochte die letzten 20 Seiten Goldenes Notizbuch.
Aber der Werther, der erste, der Werther und sein Leid. Ich habe das zweite Mal aufgegeben und glaube nicht, dass er einen dritten Versuch lohnt. Ich bin ihn seit der 34. Reclamseite leid, das Teebeutellesezeichen ist nur ein Alibi für den guten Willen. Homie, wir teilen zwar eine Stadt, aber das tun Sven Väth und Roland Koch auch.

(So, und jetzt hab ich sogar einen Tagespolitischen eingebaut. Super.)

Lesung Nr. 8

Auch so ein Überbleibsel. Ein fitzeliges, ein kleines Überbleibsel. Februarnacht, fünf plus zwei gleich sieben, das Lesen ist nur Begleiterscheinung, ist Alibi für Semesterabschluss- und Institutsfeierei.
Ich komme durcheinander, wann was wo ist. Tutoriumslesen zu Beginn, Kurzgeschichtenauschnitt. Sie war da noch lange nicht fertig, war falsch an vielen Stellen. Aber die Anmoderation! Ich möchte sowas sammeln.
Setze mich auf den Tisch, mit dem Tüllbauscherock wäre ich nicht dahinter gekommen. Ziehe den Textzettel aus dem Dekolletée, entfalte ihn, lese. Mit „Performance“ von Ungereimtheiten ablenken, das kann ich (immer noch). Das kann ich, wo es das gar nicht braucht.
Später Aufzeichnungen und Notizen, das Publikum lacht nicht, wo es könnte. Darauf das Kleid in die Hände und die Gebäude tauschen, zur Parallesung. Schuh nicht verloren.
Ich komme rechtzeitig zu meinem Text, zu gemütlicher Lyrik. Wir können machen, was wir wollen, könnte auch ein Küchentisch sein, der Raum. Ich gebe eine pupspoetische Einleitung für eine andere und drei, vier Sachen von mir weg. So geht das. Wir singsprechen Zaubersprüche und die Nacht beginnt. Ein Herz für tanzende Dozenten. Ein Herz, für die, die gehen. Ein Herz für zwei Überraschungswangenküsschen. Ein Herz für 5 Pommes frites auf leeren Magen, für einen Fever Ray-Moment, für eine Flucht in schneeige Wälder. Da lege ich mich ins harte Gras, breche das Eis mit meinem Kopf. Es knirscht. Ich kann vereisen, ohne dass es schmerzt. Höre Stimmen. Stimmen, die mich holen und es singt.
Dann: An Treppen schlafen, neben dem Babycomputer, unter dem Kleid ein Korsett und Shorts; damit tanzen, als es schwitzt, ohne Kleid und auch ohne Schulterkrone. Ich werde sie verlieren, in dieser Nacht. Ich werde im Bus vergessen, am Morgen darauf. Men den är världen, en del.