spring beginnings

Ich hätte nichts dagegen, das neue Jahr im März zu beginnen. Im Mickey-Maus-Magazin las ich vor circa 20 Jahren, dass die Römer das schon so gemacht hätten. Es leuchtet mir ein. Die ersten Monate des neuen Jahres, sie gehen dafür drauf, sich vom alten Jahr zu erholen. Oder, dieses Mal, eine Erkältung ohne Faß und Boden auszukurieren. Und jetzt, Knospen, Licht. Mein Arbeitsvertrag ist ausgelaufen, meine Vorlesungszeit rum, meine Hausaufgaben abgegeben. Ich habe Zeit, Zeit das Jahr zu planen und Liegengebliebenes aufzuheben. One petal at a time.

Rausblick

Ein Text als Rausschmeißer, wir sagen Tschüss und machen keinen Termin für ein weiteres Date fest. Ein Fest war dieses Jahr nicht. Was war es denn? Ich denke häufiger darüber nach, will einstimmen in einen A-Capella-Chor, der das Grausen dieses Jahres beflüstert. Ohne Krach und Orchester. Aber auch: ein Jahr unter vielen, Menschen sterben, ständig, dieses Jahr mehr, die mir durch Fernsehen und Lautsprecherhin durch was bedeutet haben, als andere. Liegt das am Alter? Dass jetzt nicht nur mehr Menschen mit ihren Erfahrungen in Mainstreammedien vertreten sind, die ihre Grundschulzeit mit ähnlichen Spielzeugen verbracht haben wie ich, sondern auch mehr Menschen, zu denen ich seit Grundschulzeit aufsehe, so alt werden, dass sie sterben. Wie wir, die wir Diddl-Blattblätter sammelten und Tamagotchis zu füttern vergaßen, den gleichen Weg gehen werden wie diese. Das Jahr geht, ich denke übers Sterben nach und kann nur raten. Es gilt, was mir letztes Jahr schon durch den Kopf ging, nur mit größerem Knall:

„Die Dinge, die außerhalb meines Schreibzimmers passierten, waren oft schlimm. Ich glaube, diese Konstante bleibt von Jahr zu Jahr. Zu sagen es sei ein gutes Jahr gewesen, politisch, das kann nur ignorant sein. Irgendwas ist immer. Schlimmer ist: Menschen sterben und sollen es nicht. Bei System und Struktur können wir uns wenigstens wünschen, dass was zu ändern geht. Doch Menschen sterben und es ist unumwünschbar.“

Schlimmer dieses Jahr: System und Struktur. Eine Wahl, die mir den Atem nahm. Alles, was ich dieses Jahr geschafft habe, verschimmert hinter Gewalt. Und trotzdem: Für mich ein tragbares Jahr, weil es hatte, was die besten Jahre brauchen, um groß zu werden. Freund_innen. Cheers to you, my dear ones!

Wir verabschieden uns jetzt, herzloser, fast erleichtert. Das Versprechen, nachdem 2016 zur Tür rausgeschoben ist, Tür dagegengedrückt, zu: das nächste Jahr umarme ich, bis es nicht mehr weiter weiß. Das nächste Jahr will ich liebhaben, bis es das erwidert. Weiter weiß auch ich nicht.

12von12 -Februar

Ich hänge so hinterher und vielleicht ein wenig durch. Die Dinge, die sich vorschieben, Fallen stellen, tagesaktuell. Immer was zu tun. Und ich verschiebe auf später, was später nicht mehr gut passt. Die Bilder vom 12. Februar auf den 14. Juni. Now, without further ado, ein Tag im Jahr:

februar1
Früh wach, wirklich früh wach, weil ich lohnarbeiten muss. Kein guter Tag dafür, die Gelegenheit fällt auf den Geburtstag des Menschen, mit dem ich zusammenlebe. Es gibt ein Geschenk, aber keine Zeit für Kaffee und Kuchen. Keine Zeit für ein Frühstück, nur für einen schnellen Saft und irgendwelche Vitamintabletten. Uniform, schminken und los.
(Im Paket ein Becher und Slush-Ice zum selbstzumachen, das passte im Februar nicht, passt jetzt auf die Jahreszeit, aber nicht auf diesen Regen.)

Februar2
Über den Tag verteilt irgendwas zwischen 700-1000 Kleidungstücke und etwas weniger Koffer und Taschen hin- und herschleppen. Je mehr Arbeit es auf einem Haufen ist, umso schneller vergeht die Zeit, aber ab mittags zieht sie sich wie Karamell. Ich mache Pause in einem Food Court. Mit Smartphone im Lärm sitzen, schlingen und scrollen, das ist nicht erholsam, aber ich arbeite danach an einer ruhigeren Stelle weiter. Fancy-schmancy: wir sind doppelt so viele Arbeiter_innen als in der Garderobe vorher, mit halb so vielen Garderobenstücken.

Februar4

Das gibt Zeit, mit einer Kollegin eine weitere Pause zu machen, Zeit für große Cola mit Eiswürfeln und Fotospielgeräte in der Mall nebenan . Dann muss ich wieder zurück, mithelfen die 700-1000 Dinge an ihre rechtmäßigen Besitzer_innen zurückzugeben. Vielleicht verwickle ich ein paar Schweden in ein Gespräch auf schwedisch, vielleicht war das auch am Tag davor oder danach. Ich bin müde, meine Füße pulsieren und für das Geburtstagsfest ist es längst zu spät. Das Geburtstagskind liegt mit Kind schon im Bett, wohin auch ich falle, nach Kuchenkrümeln.

Merken

3

Kein Gefühl von Frühling, obwohl ich schon blühende Bäume sah. Keine Zeit zu sähen; wegen des Wetters auch keine Lust. Wenig wächst, was aus meiner Hand kommt, aber ich setze alles auf April. Ansonsten war der März ein feines Tauziehen zwischen feministisch gefärbtem Zucker in Worten & Meetups und allerlei Krankheitszurückgezogenheiten. This month hurt, nicely.

märz2016
gelesen: Texte von Renate Sadrozinski, Heidrun Kaupen-Haas, Jalna Halmer, Frauke Stübig, Gisela Bock, Susanne Petersen, Ute Gerhard, Liselotte Steinbrügge, Myra Marx Ferree, Friederike Hassauer, Andrea Maihofer, Peter K. Fritzsche, Viktoria Frysak, Petra Pommerenke, Anja Schmidt, Hannelore Schröder, Friederike Wapler, Gisela Thiele-Knobloch, Katja Leyrer, José-Louis Bocquet.

geschrieben:  6791 Worte Hausarbeit mit einer Freundin über Olympe de Gouges, innerhalb von elf Tagen. Puh. Eine Hausarbeit über Gloria Anzaldúa’s Gedicht „To live in the Borderlands Means You“ umgekrempelt, um- und fast fertig geschrieben. Eine Miniatur für das MISSY Magazine. Keine 75owords.

gesehen: Schöne TEDtalks (1, 2, 3, 4, 5), und ziemlich miese (Airbnb, Uber).

gerochen: Kinderurin.

geschmeckt: Sputum.

gehört: das, nach Hausarbeitsabgabe. Viele Folgen Ask Me Another und Pop Culture Happy Hour. Alle Folgen Women Of The Hour. Meine Stimme tagelang nur flüsternd. Und danach durch ein Mikrophon in Kopfhörern mit einer Menge #tmi.

geschafft: Fahrstunden, Hausarbeiten, feministische Demo mit Kind in Köln (dort <3-Homies aus dem Internet getroffen) und feministische Demo in Frankfurt mit Kind und coolen Leuten. Eine Nacht in der Unibibliothek, zehn Stunden Schreiben non stop. Kommunalwahlzettel ausgeteilt, auseinandergefaltet und ausgezählt.

gesundet: Mandelentzündung mit 40° Fieber, eine Muskelzerrung im Bauch, die sich als eine Blinddarmüberraschung tarnte, und dazwischen ein Krankenhausaufenthalt mit entzündetem Kind.

gescheitert: Trotz langer Schreibnacht Hausarbeit Nr. 1 nicht geschafft.

gestrickt:  Vier Flicken für eine Decke, an einem Tuch, keine Socken.

gefühlt: texterschlagen, schmerzumwunden.

2

Das Jahr hängt immer noch hinterher. Die Erinnerung an den Februar hängt in den März hinein. Der Winter dauert ja auch noch an. Und sollte es eigentlich nicht mehr. Ich hänge hinterher, mit Arbeit, mit allem. Und sollte es eigentlich nicht mehr.

vulvahat3

gelesen: Texte von Gloria Anzaldúa, Linda Garber, Jo-Ann Berelowitz, Roger Bromley, Jennifer Browdy de Hernandez, Karen Foss, Lynda Hall, Hector A. Torres, Sonia Saldívar-Hull, Martina Koegeler-Abdi, Suzanne Oboler, Karin Rosa Ikas, Robert Young, unter anderem.

geschrieben:  die 750 Worte mal vergessen, seitdem ist dieses Schreiben on hold. Gut 5000 Worte Hausarbeit, aber nicht fertig zur Deadline, weil doppelt zu lang. Mails geschrieben an Prüfungsämter und Lehrende. Und eine Frage über Kinder, die fluchen.

gesehen: die Welt durch die Kamera mit Filmrolle drin. München. Dort die erste Disputation meines Lebens, und bestimmt die schönste. Meinen Text im gedruckten MISSY Magazine.

gerochen: Handcreme, vor aufgeschlagenen Büchern.

geschmeckt: Tahin und Zitronensaft als Brei auf Brot.

gehört: Tinnitus in verschiedenen Klanghöhen.

geschafft: Noch mehr Fahrstunden. Auf einem Podium gesprochen. Teil 2 eines Juleica-Seminars mit Kind (mehr Kind sehen als Seminar). Eine Anmeldung rechtzeitig in einen Briefkasten zu werfen, um Tage später einen Anmeldelink anklicken zu können.

gescheitert: Am Versuch, eine Woche lang ein Podium vorzubereiten, eine Hausarbeit zu schreiben, ein Kind mit ansteckender Krankheit zu betreuen. Seitdem flucht das Kind wieder mehr.

gehabt: Besuch von C. und R. in F. All the <3s.

gestrickt: Ein Paar Socken. Neun Flicken für eine Decke.

gefühlt: zuversichtlich panisch

1

Ein Monat wie ein Jahr, und an seinem Ende wünsch ich mir, wir könnten das Jahr hier noch mal von vorne beginnen. Nicht nur, weil Nachrichten machen, dass man den Kopf unter Geröll vergraben möchte. Ich brauche mehr Zeit zum Planen und dazu, die Dinge zu erledigen, die ständig neu anfallen, während ich gerade dabei bin, Zeit frei zu räumen, um Unerledigtes aus dem alten Jahr angehen zu können. So geht das nicht.

januar22016

gelesen: Texte von John Barth, Gloria Anzaldúa, Juno Díaz, Jonathan Culler, Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald, Stanley Renner, Emma Goldman, Emmeline Pankhurst, Gertrud Bäumer, Marianne Weber, Rosa Mayreder, Alice Salomon, Jonathan Franzen.

geschrieben: 31x 750 Worte. Eine Miniatur über mein Reenactment dieses Radiohead-Videos für das MISSY Magazine. Eine Unihausaufgabe. Auf kleinerdrei.org etwas über Kindergartenbewerbungen. Und dann noch daran mitgeschrieben.

gesehen: den Mond, der just an den Wolken vorbeisah, als ich mein Telefon im Schnee suchte. Als ginge ein Nachtlicht an.

gerochen: köchelnde Kichererbsen.

geschmeckt: Schnee. Frischgepressten Orangensaft.

gehört: Vulnicura von Björk. Dancehits-Playlisten auf Spotify. Und Podcasts: alle Folgen von Startup nachgehört, außerdem alle Folgen von Nursing & Cursing und das andere übliche Zeug.

geschafft: Meine ersten praktischen Fahrstunden. Auf einer Demo gesprochen, für eine Zeitung gesprochen. Teil 1 eines Juleica-Seminars mit Kind (Katastrophe).

gestrickt: Ein Paar Socken. Vier Flicken für eine Decke.

gefühlt: overwhelmed.

 

12von12 – Januar

What a day. Ein Tag nachdem #ausnahmslos online ging. Ein Ding, an dem ich nicht unbeteiligt bin. Ein Tag nach drei Stunden Schlaf. So müde, dass meine Konzentration sich nicht am Tag beteiligt, sie hat sich eine Entschuldigung schreiben lassen. Dieser Tag ist, wie alle Tage in dieser Woche, viel und voll, bis oben hin. Meine Augen gehen zwischendrin immer wieder zu.  Mehr von anderen 12. Januaren gibt es hier.

A_day_when_emails_jumpstarted_my_morning__12von12Gemächlich wachliegen (nachdem ichs fürs Morgenmagazin, und das ist sehr deutlich morgens, aus dem Bett gerufen wurde und wieder ins warme Bett zurück gesprungen bin), und dann sind Mailantworten so dringend und ausführlich nötig, dass ich sie nicht aus dem Bett heraus erledigen kann, sondern endgültig aufstehen und an die Tastatur muss.

3_hours_of_sleep__calling_for_a_shower__12von12Unter die Dusche, um wach zu werden, und weil es wirklich nötig ist. Die Ferien sind vorbei.

newborn_or_at_least_somewhat_alive_again__12von12Sauber? Check. Wach? Hmgehtso.

waiting_for_my_first_driving_lesson._this_was_not_my_car_but_it_was_quite_a_sight__and_it_had_a_twin.__12von12Erste praktische Fahrstunde. Während ich auf die Fahrlehrerin warte, fahren zwei Autos auf die Tankstelle, die beide komplett mit wilder schwarz-weißer Musterfolie vollgeklebt sind und alle Blicke auf sich ziehen. Ich kriege beim Fahren die Kurven nicht und komme mir vor wie in einem Autofahr-Computerspiel.

University__favorite_class._We_talked_about__ausnahmslos_and_I_had_my_Angela_Davis_bag_with_me_for_a_reason__12von12Die Fahrschülerin nach mir hat eine Autobahnsonderfahrt und darf sie damit verbringen, mich zur Uni zu fahren. Dort Klassikerinnen feministischer Theorie, mein Lieblingskurs, aber ich bin nicht gut vorbereitet (sorry!) und nicht ganz ‚on‘. Aber mein Herz schlägt durch mein Hemd, als die Sprache auf #ausnahmslos kommt. Weil ich im Entstehungsprozess des Statements immer wieder an die Grundlagentexte aus unserem Seminar denken musste, und daran, was einen feministischen Text eigentlich ‚klassisch‘ macht, oder wegweisend.

breakfastdinnerlunch._4pm__time_to_sit_down_and_eat_something_for_the_first_time_that_day.__12von12In den Momenten der letzten Tage, die ich nicht vor verschiedenen Bildschirmen verbrachte, habe ich Hummus vorbereitet und nach den Vorschlägen von Ella zubereitet. Ein Durcheinander, weil ich so ungeduldig bin, dass ich die Hülsen schon von den Kichererbsen ziehen will, wenn sie noch kochen, und ständig im Wasser herum rühre, damit sich die Hülsen lösen. Was mich mit Kichererbsenbrei im Kochwasser und verbrannten Fingern zurücklässt. Aber fertig ist dieses Hummus so soft, wie ich noch nie eins aß. Wie Mousse fast. Am 12.1. komme ich um 16 Uhr nachhause und habe das erste Mal am Tag Ruhe, zu sitzen und zu essen. Ich werde den ganzen Tag nur Hummus essen.

The_day_care_center_has_still_the_best_view_of_the_Old_Jewish_Cemetary_but_you_don_t_see_so_much_when_you_pick_your_child_up_late__in_January__12von12Das Kind von der Krippe abholen. So spät, dass es weint. So spät, dass die Gräber auf dem Alten Jüdischen Friedhof, auf den man von nirgends so gut schauen kann, wie von der Krippe aus, kaum zu erkennen sind.

A_long_way_home__watching_bunnies__ducks_and_the_moon__12von12Heimweg mit Kind, auf der anderen Seite des Weihers entlang. Wir beobachten Kaninchen und ihre weghoppelnden weißen Schwänzchen, schauen zu den Enten auf ihrer Privatinsel rüber, gehen Hand in Hand und singen.

The_kid_went_from_identifying_letters_and_numbers_on_license_plates_to_painting_letters._T_works__O_kinda_works._On_January_the_12th_the_kid_called_me_from_another_room__declaring_N_painted__Indeed.____12von12Während ich in der Küche stehe und scrolle, ruft das Kind aus dem Wohnzimmer „N malt!“. Ich gehe gucken und tatsächlich. Ein N. Und viele Zickzacklininen, von denen einige mehr Ns sein können. Einfach so. N wie Nicole, das weiß das Kind. Und kann auch den Anfangsbuchstaben des eigenen Namens. Ich bin sehr fasziniert, aber will es nicht überinterpretieren. Buchstaben sind auch nicht viel mehr als Bilder. Und leichter zu malen als eine Dampflokomotive.

This_looks_worse_in_real_life._No_time_to_get_shit_done__no_time_to_do_nice_stuff.__12von12Etwas verzweifeln am unaufgeräumten Wohnzimmer, in dem das ungeklärte Business von Weihnachten noch rumhängt. Immerhin ist der Baum weg und wartet nicht auf Ostern. Der kleinerdrei-Hangout ist geschafft und ich sehe kein Morgen vor lauter To Dos und Baustellen (die wenig mit kleinerdrei zu tun haben).

Figuring_out_a_term_paper_thesis_for_Gloria_Anzald_a_s_poem_To_Live_in_the_Borderlands_Means_You._Any_ideas__12von12Viel zu spät mit einer Uniaufgabe anfangen und mit müdesten Augen durchs Uni-OPAC waten, auf der Suche nach Quellen, für die mir noch die Fragestellung fehlt. Was kann ich ein Gedicht fragen, das eine Antwort von 2500 Worten nicht übersteigt? Ich nehme mir vor, noch mal darüber zu schlafen, die Deadline ist Mittag des nächsten Tages.

12_days_in_a_row._The_new_year_offered_my_a_fresh_start_I_did_not_order.__12von12Schreiben, vor dem Schlafengehen. Ausgerechnet am 31.12. hatte ich es vergessen. Nach 330 Tagen ohne Unterbrechen. Alles auf Null, mit dem neuen Jahr. Das soll mir nicht mehr passieren.