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Mehr machen, mit den Händen, und mehr davon zeigen. Mehr verschenken.

Als Kind konnte ich nicht verstehen, wie indifferent Erwachsene mit ihren Geburtstagen umgingen. Jetzt weiß ich wie das geht und würde lieber nicht. Alt sein, wenn man mit der Jahreszahl der Geburt rechnen muss, um sich mit dem eigenen Alter nicht zu verzählen. Ich will mir selbst mehr Spaß machen. Meine schönste Bluse aus dem Schrank ziehen und allen Leuten sagen: “Weißt du wa-haas? Heut’ ist mein Geburtstag!” Die Kopfhörer aus dem Ohr ziehen und mich überraschen lassen. Die Kopfhörer wieder reinstecken und in warmer Nacht durch die Stadt tanzen, mal mit der Hand im Haar, mal in Balance auf einer Mauer. Gute Geburtstage lassen sich nicht planen, Glücklichsein geht nicht nach Stundenplan. Aber ich will versuchen, den Tag zu tragen wie ein Stück brillantgeschliffenes Glas an einem Ring.

zu #selbstgeboren

Oh dear.

Lese im Zusammenhang mit diesem Artikel das erste Mal vom Hashtag #selbstgeboren. Ein Artikel, der mich traf, weil ich die beschriebenen Gefühle zum Kind teil(t)e, auch ohne Kaiserschnitt. Ich sehe in meiner Timeline Kritik am Hashtag, muss aber ein bisschen suchen, bis ich verstehe, an wen sich die Kritik richtet. Allein der Begriff macht Stirnrunzeln. Wer soll denn gebären außer die schwangere Person selbst? Ist ja nicht so, als könne man, wenn man übers erste Trimenon hinaus schwanger ist, die Geburt outsourcen.

Ana Luz erklärt:

Wenn heute auf der Seite selbstgeboren.de Geburtsberichte von Frauen gesucht werden, die eine “kraftvolle und selbstbestimmte Geburt erlebt haben” und “aus eigener Kraft” ein Kind geboren haben, während im nächsten Satz alle Mütter ausgeschlossen werden deren Geburtserlebnisse nicht ”frei von Manipulation oder Eingriffen von Außen. (D.h: Ohne künstlich eingeleitete Wehen, PDA, Kristellern, Dammschnitt, Saugglocke oder Kaiserschnitt.)” sind, dann passiert genau das [...]: Geburt wird bewertet und klassifiziert in “richtig” und “falsch”, in “natürlich” und “künstlich”, in “kraftvoll” und “manipuliert”. [...] Was sind denn die Mütter und ihre Geburtserlebnisse, deren Geburtsberichte hier ausdrücklich NICHT gesucht werden nach der Definition der Autorin? Kraftlos, schwach, manipuliert, falsch, künstlich. Dabei werden die Kraftanstrengungen dieser Mütter, die Schmerzen, die Ängste und die Entscheidungen in ihrer Verantwortung als Mutter ihrer Kinder komplett negiert.

Ich bin voll Team Selbstbestimmung, aber ich wünsche mir (besonders von einer Hebamme), dass die Komplexität von Selbstbestimmung verstanden wird. Und Respekt vor Geburtssituationen, deren Bedingungen Schwangere sich nicht selbst aussuchen können. Ich will, dass sie mitgedacht werden.
Selbstbestimmt ist nicht gleichbedeutend oder deckungsgleich mit “ein physiologischer Geburtsverlauf, frei von Manipulation oder Eingriffen von Außen. (D.h: Ohne künstlich eingeleitete Wehen, PDA, Kristellern, Dammschnitt, Saugglocke oder Kaiserschnitt”, wie die Autorin in ihrem Aufruf nach Geburtsgeschichten schreibt.

Denke ich an meine Geburten, sind es nicht per se medizinische Interventionen, die mir das Gefühl erschwert haben könnten, selbstbestimmt zu gebären. Die Wahl, PDA und andere Schmerzmittel in Anspruch zu nehmen, war immer selbstbestimmt, und ich bin dankbar, dass niemand, weder Ärzt_innen noch Hebammen, mir vermittelt hätten, dass eine Geburt halt kein Besuch im Vergnügungspark sei, ich mich nicht so anstellen solle, sondern dass ich in der Angelegenheit sofort ernstgenommen wurde. Was meine Selbstbestimmung bei der ersten Geburt eingeschränkt hat, war ständig am Wehenschreiber zu hängen oder nervig-schmerzhaftes Muttermundtasten.

Die erste Geburt wurde eingeleitet. Da war ich zwei Wochen über dem errechneten Termin. Was sich damit erklären lässt, dass mein Fötus keine Signale sendete, reif zu sein, Signale dass die Geburt losgehen könne, weil das Gehirn, mit dem diese Signale gesendet würden, fehlte. Anenzephalie, in case you’re wondering. Der Zeitpunkt war nicht selbstbestimmt, aber wie selbstbestimmt kann er bei spontan einsetzenden Wehen sein? Und macht das denn weiteren Geburtsverlauf oder das gesamte Geburtserlebnis zwingend nicht selbstbestimmt? Die Frage nach Selbstbestimmung ist keine Frage von entweder-oder, sie bewegt sich in einem Spektrum.

Die zweite Geburt verlief ohne Manipulationen oder Eingriffe von außen, ohne Schichtwchsel, usw. Trotzdem habe ich sie im Nachhinein als weniger selbstbestimmt in Erinnerung, ist sie ein Schlüssel dazu, warum es zwischen mir und dem Baby nicht sofort funkte.

Denn: Die Frage nach Selbstbestimmung endet nicht, wenn Baby und Plazenta draußen sind. Die schlimmsten (und noch immer schlimmwirkenden Erfahrungen) habe ich nach der Geburt gemacht, als es darum ging, genäht zu werden. Nicht nach einem Dammschnitt sondern simplen Scheidenrissen. Situationen, in denen mir keine Zeit gegeben wurde, nicht respektiert wurde, als ich “Nein” schrie, ich stattdessen vermittelt bekam, ich würde mit meinem Versuch, in einer wunden Situation über mich selbst zu verfügen, nerven und den Betrieb aufhalten.

Hebammen sind arschwichtig. Zu wichtig, als dass Geburtserfahrungen gegeneinander ausgespielt werden sollten, um den Berufsstand zu retten. Hebammen sind nicht nur für interventionslose Geburtshaus- oder Hausgeburten wichtig. Hebammen betreuen Kaiserschnitte. Hebammen betreuen Fehl- und Totgeburten, betreuen Abtreibungen. Und mir ist jeder selbstgewählte und selbstbestimmte Kaiserschnitt lieber, als spontane Geburten, die mit Ohnmachtserfahrungen verknüpft sind.

Die Kraft, die eine Geburt erfordert, ist nicht zwingend die Kraft, die es braucht, um ein Baby durch den Geburtskanal zu pressen. Da ist die Kraft, die Schwangerschaft zu tragen, die Kraft gegebenenfalls Diagnosen auszuhalten, die Kraft Entscheidungen für sich zu treffen, die Kraft, sich selbst in und durch die Zeit danach zu tragen. Ich kann das Anliegen des Buches erkennen, mit positiven Geschichten Mut machen zu wollen. Aber Titel und Aufruf sind so unfassbar unreflektiert, ignorant und respektlos. Und damit auch unprofessionell. Statt Mut zu machen, stößt das Framing vor den Kopf und verletzt.

Ich wünsche mir stattdessen ein Buch, mit dem kein Gegensatz zwischen assistierten und selbstbestimmten Geburten konstruiert wird, sondern das mit vielfältigen Geschichten der Realität von Geburten gerecht wird, das zeigt, wie Selbstbestimmung unter unterschiedlichen Voraussetzungen und Geburtssituationen möglich wird, und darin nicht beschränkt auf sogenannte “natürliche”/”normale” Geburten. Ich wünsche mir, dass die Bedürfnisse von Schwangeren ernstgenommen werden, statt Druck zu machen, wie Geburt “richtig” gehe. Und ich wünsche mir, dass die Kritik verstanden wird. So gut das gemeint sein mag: intent isn’t magic.

Archäologie von zwei Tagen. Was Brüderle (nicht) mit #aufschrei zu tun hat.

In ihrem Artikel zum 1. Jahrestag von #aufschrei schreibt Hannah Beitzer “Was genau der Auslöser für die Twitterkampagne #Aufschrei war, in der zahlreiche Frauen Sexismus und sexuelle Belästigung öffentlich machten, lässt sich im Nachhinein nicht mehr so leicht sagen”. Ich denke: Leicht vielleicht nicht, aber doch genauer. You could have just asked me.

Ich stelle Schaufeln bereit und grabe voran. Eine Aufmerksamkeit für Alltagssexismus, für sexuelle Belästigung, für Victim Blaming und Derailing ist bei mir schon länger vorhanden. Ich lese vor diesem Januar 2013 regelmäßig auf everydayssexism und hollaback, sammle, seit ich in meinem Schuljahr in Schweden 2006 mein offizielles Feminist Awakening hatte, feministische Blogs in meinem Feedreader und verbringe 2011 und 2012 hauptächlich mit Bloglektüre, weniger mit Schreiben. Ein Interesse an Texten zu Sexismus, das vor allem so funktioniert: Lesen, zur Kenntnis nehmen/anerkennen, Tab offen lassen zur Referenz, bis ich aus Versehen alle Tabs schließe und den Verlust beklage.

Enter Laura Himmelreich. Die Ausgabe des Sterns, in dem ihr Portrait zu Brüderle gedruckt ist, kommt am 24. Januar raus. Das e-Magazine ist schon einen Tag früher zu lesen. Himmelreichs Portrait wird zusammengefasst zur Nachricht gemacht und kommentiert. (Zu lesen ist das Portrait ab dem 1. Februar 2013 hier.)

Am 23. Januar um 16.46 schreibt Antje Schrupp auf Facebook:  “Also echt, das war doch Jahrzehnelang so üblich, und jetzt soll man das auf einmal nicht mehr dürfen?” und verlinkt auf diesen Artikel auf spiegel.de. Ich verfolge die Kommentare, wie ich auch an anderer Stelle eher aus Distanz beobachtet habe, wie aus Himmelreichs Portrait eine Nachricht gemacht wird. Ich habe ihren Text selbst nicht gelesen und merke, dass die, die ich dabei beobachte, wie sie abwehrend auf den Text reagieren, ihn auch nicht gelesen haben. (Laura Himmelreich schrieb an dieser Stelle dieses Jahr selbst schon, Brüderle und sie seien Projektionsflächen gewesen.)
In Antje Schrupps Kommentarstream geht es wie an anderer Stelle darum, dass Himmelreich zu spät mit ihrem Vorwurf (den ich in ihrem Text selbst nicht als Vorwurf sondern als Analyse lese) komme, als dass er noch gültig sein könne, dass über Brüderle hergefallen würde, dass der Zeitpunkt der Veröffentlichung zu denken gebe, Himmelreich prangere etwas an, was sie sofort hätte öffentlich machen müssen. Was Brüderle gemacht habe, überrascht mich nicht, ich halte den Sachverhalt für ausgesprochen glaubwürdig und für alltäglich. Was mich anpisst, sind die abwiegelnden und ablenkenden Kommentare, die Himmelreichs Text verdrehen, sich auf sie statt auf Brüderle konzentrieren, oder die abwegige Ansprüche an dieses Portrait stellen, als hätte es nicht die Funktion eine Facette eines Politikers beschreiben (diese Facette ist sexistisch, ist übergriffig? Color me surprised! DSK or Weinergate, anyone?), sondern wäre eine Anzeige gegen Brüderle, die erst auf Rechtmäßigkeit überprüft werden müsse.
Und ich erkenne das Muster hinter diesen Aussagen. Ehrlich gesagt hatte ich fresher und ausfühlicher in Erinnerung, was ich selbst in diesem Kommentarstream kommentierte, aber gut. Das Muster entspricht Victim Blaming; die Verantwortung wird verschoben, der von Sexismus betroffenen Person werden Bürden aufgelegt, unter welchen Bedinungen sie sprechen darf.

Am 24. Januar veröffentlicht Maike auf kleinerdrei den Text Normal ist das nicht. Sie erzählt von eigenen Erfahrungen mit Street Harrasment und der Normalisierung von übergriffigen Situationen. Maike bezieht sich auch auf everydaysexism.com und andere Aktionen, die sich (hauptsächlich) mit Street Harrassment auseinandergesetzt haben, die es als Alltag, aber nicht als normal verhandelten. Von Brüderle spricht sie nicht. Aber davon, dass sie sich einen deutschen Hashtag wie #ShoutingBack (iniitiert von Laura Bates) wünscht.
An diesen Text erinnere ich mich besonders deutlich. Ich lese ihn mehrmals. Und beteilige mich in der Kommentardiskussion, weil auch hier abwehrende Kommentare am Start sind. Aber anders als bei Brüderle geht es nicht um die Kritik an einem vermeintlichen Versuch, einen Spitzenpolitiker zu Fall zu bringen. Was passiert, ist, dass jemand Maikes Erfahrungen abspricht, behauptet, so, wie sie das geschrieben habe, könne es nicht stattgefunden haben, und überhaupt, er wolle Zahlen sehen, könne nicht glauben, dass es sich bei ihren Schilderungen um Alltag handele. Bin mit einem Gefühl von “I’ll prove you wrong” in der Sache (klassischer Fall davon :D), sein Infragestellen von Erfahrungen, die Erwartungshaltung und dann Ignoranz von Quellen macht, dass ich die Faust gen Himmel schüttele.

Am 24. Januar veröffentlicht auch Mina einen Text über den Alltag von Sexismus und Grenzüberschreitungen anhand von Brüderle und dem was Annett Meiritz mit der Piartenpartei erlebte, sie verortet es in Machtstrukturen. Sie schreibt, dass wir eine Debatte über Sexismus brauchen. Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich diesen Text am 24. Januar gelesen habe oder ein paar Tage später. Unabhängig davon ist der Text ein Zeichen dafür, was am 24. Januar in der Luft liegt.
Auch Sarah hat das gleiche Gespür, will eigentlich etwas dazu schreiben.

Und jetzt ich: Es ist der späte Abend des 24. Januars. Ich sitze schluffig mit Netbook am Esstisch, mein Freund ist schon schlafen gegangen. Eigentlich will ich was zu der ganzen Sache bloggen, zu Victim Blaming, zu Glaubwürdigkeit und Vertrauen, zu Derailing und was hier kaputt ist. Ich will schreiben, welche übergriffigen Erfahrungen ich gemacht habe; Erfahrungen, die von außen nicht so eindeutig zu lesen sind, Erfahrungen, die unangenehm waren, die ich selbst in der Situation nicht ernst genommen habe, weil ich dachte, das gehört so, die trotzdem nicht weniger sexistisch oder belästigend waren. Ich will Erfahrungen ausführen, die ich noch nie erzählt habe, weil ich sie für eine Lappalie hielt oder annahm, man würde mir die Verantwortung dafür geben. Ich will meine eigenen Erfahrungen selbst nicht mehr infrage stellen.
Ich blogge sehr langsam und lasse es dann meist. (Auch diesen Text will ich eigentlich seit etwa einem Jahr schreiben.) Ich bin an diesem Abend zu faul den Aufwand auf mich zu nehmen, das zu verbloggen, also fange ich an, Erfahrung für Erfahrung zu vertwittern. Einige einzeln, andere, kompliziertere Fälle, über mehrere Tweets hinweg. Die Form ist angelehnt an das Wehrli-Zitat, ein Notatverfahren, das Peter K. Wehrli geprägt hat. Andere erkennen, dass da ein Muster in meinen Tweets ist, etwas, das über meine eigenen Erfahrungen hinaus geht. Jasna fragt, ob ich gerade ein Meme erfinde, ich bin etwas abgelenkt von meinen Erinnerungen, sage, ich wisse es nicht und dass vielleicht ein Hashtag fehle. Anne schlägt #aufschrei vor.

That’s basically it. Ich kann genau sagen, wann ich warum wie damit angefangen habe, die Dinge zu twittern, aus denen #aufschrei wurde. Das allein erklärt nicht, warum ein Hashtag, der um ein Uhr nachts gestartet wurde, so durch die Decke ging. Es lag was in der Luft. Etwas, für das ich Netzfeminismus in seinen vielen einzelnen Sensibilisierungspunkten, wie zum Beispiel Comics, Artikel, Vernetzungsseiten, dem Infragestellen von sexistischen Geschäftspraxen unter vielemvielemvielem mehr, die Creds zuspreche. Online-Feminismus, der sich in Offline-Aktionen wie Slutwalks wiederfand, der Verbindungen zwischen feministisch-denkenden Menschen herstellt, der die Grundlage für etwas so Dichtes geschaffen hat, das Altmedien nicht ignorieren konnten, aus dem die Debatte wurde, die Mina forderte. Wie die Altmedien damit gearbeitet haben, ist allerdings eine Geschichte für ein anderes Lagerfeuer. Heute Nacht wärme ich mich an der Erinnerung von der Nacht vor genau einem Jahr und daran, dass wir nicht alleine sind, sondern verbunden.

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Dieser Artikel von Margarete Stokowski bringt alles mit einem Knall auf den Punkt. <3
Das, was ich in meinem Text Sensibilisierungspunkte nannte, nämlich (überwiegend deutschsprachige) Netzfeminismusgeschichte führt Helga auf ihrem Blog mit vielen Links aus.

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Team Neuanfänge. Ich klopfe den Staub von meinem Fuchs-Onesie, ich wische den Tisch in meinem Schreibzimmer, kühle meine Wangen mit dem Handrücken. Wenn ich mir selbst Versprechen gebe, ist am End’ niemand enttäuscht. Mina macht es vor und es wird schön.

Mein linker, linker Platz ist frei, ich wünsch, dass dies Jahr hiermit gefüllt sei:

  • Autoführerschein machen
  • täglich schreiben
  • alleine verreisen, mich treiben lassen, ins Ausland
  • mehr analog fotografieren
  • vom Tanzen verschwitzt ein Konzert verlassen
  • Tagebuch führen
  • mehr publizieren: Bloggen, ein Zine kleben, Schreibmaschinentexte in die Stadt hängen
  • einen Pullover stricken
  • Street Art und Yarn Bombing machen
  • Harry Potter komplett neulesen und darauf achten, wie der Text funktioniert
  • einen Text zum Open Mike schicken, von dem etwas abhängt
  • mehr baden
  • mit Regenschirm spazieren
  • für jede Woche eine Doppelseite mit guten Sachen vollmalenklebenschreiben
  • Suppen kochen
  • Spoken Word schreiben und vortragen

2014 wird singen.

Nachtrag:

  • Lernen, mit der Nähmaschine zu nähen
  • Lochkamera bauen und benutzen
  • Anfangen, Türkisch zu lernen

Nachtragnachtrag:

  • Annika in Karlsruhe besuchen
  • Leute einfach so besuchen, nicht nur weil ein Termin in der Stadt ist
  • wieder einen Couchsurfing-Schlafplatz zur Verfügung stellen

äh.

Eine Sache auf einmal machen. Es fällt mir so schwer. Mit Internet. How does that even work?

In unserer sprachpraktischen Übung sollten wir eine Biographie von uns als Leser_innen schreiben, wie für einen Klappentext. Ich lese nicht mehr. Was heißt: ich lese keine Bücher mehr. Ich lese Bücher bröckchenweise und habe mir das für meine Biographie so schöngeredet, das ich mir noch was übrig lassen will. Was stimmt. Wenn das Buch, an dem ich seit einem halben Jahr hänge, zu Ende ist, kann ich nicht hoffen, dass ein Blogartikel der Autorin erscheint. Wenn ich mehr von ihr oder wenn ich Bücher dieser Art lesen will, denn davon habe ich nicht viele (davon = englischsprachige feministische Sachbücher zu Reproduktion z.B.), muss ich das kaufen. Also lasse ich mir was von dem Buch übrig und lese zu dem Thema das Meiste im Internet. Dass ich keine Bücher mehr lese, heißt nicht, dass ich nicht lese. Ich lese ständig. Und überall. Lese Twitter und werde von da aus jeden Tag auf externe Texte gestoßen. Was mich schlauer macht und zwar anders als ich das bei einer Buchlektüre voraussehe. Was flirriger ist, und unorganisierter. Ich kann diese Texte in kein Regal stellen, kann nicht quantitativ darstellen, wieviel Stoff ich mir schon reingezogen hab. Ich kann nur wieder auf sie zurückgreifen, wenn ich sie irgendwie speichere oder die richtigen Suchbegriffe im Kopf habe, um sie irgendwann später wiederzufinden.  Ich mag das und will hier keine kulturpessimistische Rede halten, in der es darum geht, wie the evil interwebz Lesegewohnheiten kaputt mache. It’s not worse. It’s different. (DINGDINGDING Plattitüde.)
Mein Umgang mit dem Internet hat auch Folgen für mein Schreiben. Die sind noch weniger neu. Für Texte brauche ich ja deshalb hundert Stunden, weil ich mal was nachgucken will und dann wegdrifte. Auch im Jahr 2000 werde ich nicht konzentriert am Stück geschrieben, sondern meine Zeit damit verbracht haben, auf Beepworld und Geocities rumzulesen und zu chatten. Was auch Schreiben ist. Mit gespeicherten Chatlogs zum wieder Nachlesen.

In dieser sprachpraktischen Übung schrieben wir die Zusammenfassung eines Artikel, in dem es um die negativen Folgen von dauerhafter Smartphonenutzung geht und wie sie eingedämmt werden können. Dass Arbeitgeber in der Verantwortung seien; von selbst würde sich niemand dran halten. (Jetzt will ich einen Text verlinken, der mit dem Thema zu tun hat und verliere mich schon wieder auf dem Weg. Facebookkommunikation, Twitter-DMs, eine Adresse auf ein Päckchen schreiben. Aber hier ist er. Die Folgen von ständiger Smartphonenutzung für Romane über diese Gegenwart. Gefunden bei Caro.) Das ist ein genehmes Schulthema, es geht bei uns zwar nicht inhaltlich darum, wir sollen Schreibpraktiken (oh, what a coincidence) lernen. Und passt trotzem. Wir stehen ja alle mit Smartphones rum, statt uns anzusprechen. Was okay ist. Ich werd von meinem Telefon nicht davon abgelenkt, was zu schaffen. Gut, ich lese kein Buch unterwegs. Mein fieses Problem findet zu Hause statt. I don’t geht anything done. Mein Sachen-auf-einmal-machen-wollen hat damit zu tun, Sachen geschafft kriegen zu wollen, die ich machen will. Da geht es um Selbstoptimierung und die ist ja mehr so Team Naja. Es geht aber auch um euch. Und euch mit mir und mich mit euch und uns miteinander. Äh. Weil ich durcheinander komme, wem ich schon auf was geantwortet habe. Weil ich nicht klarkriege, auf Kommentare zu reagieren. Weil ich mir Mühe mit meiner Kommunikation geben will und das vorraussetzt, dass ich mich konzentriert an eine Mail setze und das klappt nicht weil dings. Mails zu schreiben ist mittlerweile so hart geworden wie Briefe zu schreiben. Was keinen Sinn ergibt, weil Briefe schreiben in den gleichen Zusammenhängen noch härter geworden ist. Ich habe keine Lösung. (Doch, eine kleine. Wenn ihr wollt, dass ich sofort auf irgendwas zügig antworte, nervt mich via Twitter-Reply. Das funktioniert. Im Moment.)

Eine Sache auf einmal machen geht nicht auf. Weil es nicht nur um Internet plus Meatspaceaktivität geht, sondern auch innerhalb beider Bereiche um Ablenkungen. Für einen Text brauche ich Nebeninformationen, auf denen ich dann davon treibe. Nehme mir ab und zu vor, Sachen direkt zu machen. Aber das geht auch nicht, weil ALLESAUFEINMALHILFE gemacht werden muss, wenn man für eine Sache was nachguckt und sich beim Nachgucken was Neues auftut. Und jetzt schreibe ich einen Text, in dem es darum geht, wie man Aufgaben priorisiert, statt mich darauf einzulassen, wie man nur eine Sache auf einmal macht, ob und wie das für mich gehen kann. Okay.
Einderseits romantisiere ich das Einsaufeinmal als Lebensqualität. Andererseits stelle ich es mir langweilig vor. Essen und Lesen gehören zusammen, die sind so *fingerüberkreuz*. Das erste Mal als ich meine Omi gefragt habe, ob ich beim Vesper das Micky-Maus-Magazin lesen darf, war sie nicht begeistert, aber ich durfte und wollte nie wieder damit aufhören. Dazu kommt, dass es mir wie verschwendete Zeit vorkommt, nur eine Sache auf einmal zu machen. Dabei verliere ich soviel Zeit mit rumtrödeln und verlesen und nicht wissen, was von dem Zeug, das ich gleichzeitig mache, ich eigentlich tue. Was mich zu keinem abschließenden Punkt führt, sondern so nervös macht, dass ich ein ablenkendes Tab öffnen möchte, um mich mit was Aufgabenfernem zu entspannen. Tschüssi!

wip wednesday

Ein Monat. 9 Veranstaltungen, plus Tutorien. Acht Dozentinnen, fünf Dozenten. Vier Tage. 16 Stunden die Woche, manchmal 22 Stunden.

Einführung in die Frauen- und Geschlechterforschung, Einführung in amerikanische Geschichte und Gesellschaft, Klassikerinnen feministischer Theorie, Propädeutikum in der Soziologie, Migration/Transnationalität/Essen, Einführung in die amerikanische Literaturwissenschaft, Integrated Language Skills.

Das sei schon viel sagen sogar Menschen, die niemanden füttern und wickeln und liebhaben müssen. (Wenn in Geschlechterforschung Carework als “Liebe als Arbeit – Arbeit aus Liebe” besprochen wird und der Vorschritt fehlt, dass man sich lieben können erst mal erarbeiten muss.) Ich habe das Gefühl, es reiche nicht aus, ich müsse alles ausschöpfen, ich sollte lieber früh viel machen, um später mehr Zeit zu haben & what about extra curricular activities? Dabei schaffe ich das noch nicht mal mit den Hausaufgaben, erledige sie in den Nächten vor der jeweiligen Veranstaltung. Die  Wochenenden nur verschlafen können. Jede Woche ein Leseaufwand von ungefähr 150 Seiten. Ich muss nicht so viel auf einmal belegen, aber die Sachen, die ich nicht im ersten Semester machen muss, die mag ich zu gern, um sie jetzt wieder fallen zu lassen. Sitze in den Seminaren und denke “Na, das wär doch gelacht”, sitze um 2 Uhr früh vor dem Reader und singe “ichkanndasnichtichkanndasnichtichkanndasnicht” vor mich hin und darauffolgend ins Kissen hinein.

Dann legt uns die Literaturwissenschaftsdozentin aufs Kreuz, verkauft uns ein Inhaltsverzeichnis von E. E. Cummings gesammelten Gedichten als unvollständiges Sonett, das sich nicht mal reimt, und ich klatsche vor Amüsemang. Zwischendurch andere Kleinigkeiten, die es leicht machen, und heiter.
Fürs Rumstehen vor den Veranstaltungen habe ich “mindless knitting” in der Tasche, kann was mit den Händen machen, wenn mein Handyakku keine Lust mehr hat oder ich schüchtern bin. Und nächste Woche spielen wir Uni-Eingewöhnung mit Baby. \o/

(Wie viel, schwierig und schön es ist. Und ich muss jetzt noch was für morgen lesen. /o\)

Fahndungsfragen

Menschen, die sich in Frankfurt bewegen, die in ihren Social Media-Kreisen mit Menschen aus Frankfurt zu tun haben, werden vielleicht darüber (Content note: Beschreibungen von sexualisierter Gewalt) gestolpert sein. Gesucht wird ein Mann, der mehrmals versucht habe, verschiedene Frauen zu vergewaltigen, mit Phantombild.

Das erste Mal las ich davon, als mein Bruder es auf Facebook teilte, Überschrift: “Sexualstraftäter schlug sechs Mal in Frankfurt zu”. Das ist nicht das Zeug, das mein Bruder normalerweise teilt. Ich suchte nach einem Witz, einem 4fuckr-Bezug oder ähnlichem, aber da war nix. Einer seiner Freunde, der eher fingerüberkreuz mit sexistischen Witzen ist, kommentierte “kranke Scheiße…” und ich wunderte mich.
Darüber, wer das teilte und wer es (die Tat, nicht das Teilen) verurteilte.
Darüber, dass ausgerechnet diese Vorfälle geteilt wurden, so aus allen ausgeübten sexualisierten Übergriffen und Belästigungen.
Darüber, dass die Übergriffe überhaupt zu einem Suchaufruf führten und dieser meinen Bruder erreichte.

Einen Tag später sah ich aus den Augenwinkeln das Phantombild des gesuchten Täters auf einem Werbebildschirm bei den S-Bahngleisen, erkannte eine Überschrift, irgendwas mit “100 eingegangene Hinweise” und ich fragte mich “genau 100, echt?” Und: “Oh, das ist also wirklich ein großes Ding?”

Ja, ich bin abgestumpft. Ich habe sexualisierte Gewalt so sehr als Alltagsrealität erkannt, dass mich Beispiele davon nicht mehr überraschen. Hätte ich für jeden Vorfall die angemessene Wut, ich käme vor Schreien zu nix mehr (meine schreiende Wut ging heute dafür in diese Richtung. Content note: transfeindliche Gewalt). Also übe ich Muster zu erkennen und denke nach.

Heute dann reichte eine Unidozentin einen Zettel rum, auf dem die Pressemitteilung der Polizei mit Bild gedruckt war, sie bekam das von Kolleg_innen per Mail. Ich kannte den Aufruf im Prinzip ja schon und reichte den Zettel weiter, ohne ihn zu lesen. Ich fand es so seltsam, dass dieser Fall sogar als Zettel im Seminar rumging. Sie riet uns noch, uns zu wehren, wie die angegriffenen Frauen, die den Täter vertreiben konnten, und bestimmte Gegenden nicht aufzusuchen, in denen das passierte, also z.B nicht am Main joggen zu gehen oder am Lokalbahnhof rumzuhängen. (Ich muss nicht erklären, weshalb das kein durchdachter oder hilfreicher Rat ist, oder?)

Ich will hier nicht unbedingt über die Taten selbst sprechen, sondern mich meiner Verwunderung über meine eigenen Rezeption der Sache annähern. Wohin sonst sollte ich es erzählen, wenn nicht ins Internet hinein. Vielleicht fällt euch auch was dazu ein.
Also: Wie und wieso schafft es diese Polizeipressemeldung in Zeitungen? Wieso werden andere Suchen eingestellt, weil der Täter nicht ermittelt werden konnte, trotz Foto oder Autokennzeichen? Weshalb sticht dieses Ding so raus? Warum ist ausgerechnet diese Nachricht of general interest?

Eine Möglichkeit ist, dass es ins Narrativ des unbekannten Übergreifers aus dem Gebüsch (sinnbildlich) passt, der das Opfer im Dunkeln überfällt, statt dass es sich wie bei den meisten Fällen von sexualisierter Gewalt um bekannte oder vertraute Personen handelt. Dazu passt auch, wie das Äußere des Täters beschrieben wurde; sich also auch ein rassistisches Narrativ bedienen lässt. Der Böse kann eindeutiger als böse und bedrohlich erzählt werden, es lässt sich leicht verbreiten, weil es eine bereits gehörte Erzählung ist, die wenig in Frage stellt.

Das Ganze kann auch zu einer “interessanten Meldung” für Zeitungen geworden sein, weil die Taten in einem kurzem Zeitraum so häufig aufeinander folgten und das ja mutmaßlich von ein und derselben Person; also dass ein noch zu fassender Serientäte3 eine bessere “Geschichte” hergibt als ein sogenanntes “Beziehungsdrama”. Und es kann überhaupt erst zur Meldung werden, weil die Überfallenen sich an die Polizei gewandt haben. Die das ernst nimmt und seriös verfolgt, apparently. Was mir krass vorkommt. Und im Prinzip ist es krass, dass mir das krass vorkommt.

Ich frage mich auch, was für Folgen die Dynamik hat, die das Phantombild in unseren Seminarraum getragen hat. Die Funktion ist, Zeug_innen und damit den Täter zu finden. Aber sie macht Angst, erinnert die als Frauen Wahrgenommenen an den Default-Mode des Auf-der-Hut-Seins, verfestigt all die “don’t get raped”-Affirmationen.  Wie geht es, Verbrechen zu verfolgen, ohne Diskriminierungsmuster wachzurufen?

Im Zusammenhang damit, diesen Text zu schreiben, darüber nachzudenken, las ich die Pressemitteilung genauer – eine der Taten wurde hier begangen. Vor meiner Haustür, more or less. Eher more als less. Auf dem Weg, den ich jeden Tag zur Uni und zurück gehe. Wieder zurück zum Rat der Dozentin: Avoid these places. Ja wie? Ich gehe da lang, ich wohne da. Ich ging da vorhin lang, im Dunkeln. Dass das an der gleichen Stelle noch mal passiert, glaube ich nicht. Es könnte jederzeit, jederorts passieren. Das für möglich zu halten, ist schon eine Weile keine “kranke Scheiße…” mehr sondern eher “a reality I live in”. Obwohl andere Gewaltmöglichkeiten viel wahrscheinlicher sind. Aber ich kann nicht nicht da lang gehen. Ich kann mich nicht nicht in der Welt bewegen. Und weiß nicht richtig, was ich mit dieser Meldung machen soll.

(Wenn ich noch mal drüber guck, liest sich das unter Umständen als Verteidigung/Inschutznahme des Täters. Which it is not, ich bin da mehr so Team Aufsmaul.)

ein Jahr

Zwei erwachsene Menschen in gestreiften Pullovern sitzen vor einer weißen Wand und lächeln. Er, links, hält ein in eine grüne Decke gewickeltes Baby, sie hat eine Kaputze mit Öhrchen und hält eine Sachertorte, auf der eine grüne Kerze steckt.

Heute früh um sieben aufwachen, die Augen reiben, in Viertelschlaf nach Kaffee langen, da liegt ein Säugling neben mir im Beistellbett, angezogen, nicht eingewickelt, und schläft. Vor einem Jahr um sieben auf einem Kreissaalbett liegen, im eigenen Blut und wieder zugedeckt, ein klebriges, warmes, nach Salz riechendes Bündel im Arm. Ich bin müde, weil ich um acht im Seminar sein will, aber lieber ausschliefe. Ich war viel müder, als ich nach einem langen Krankenhauswochenende nicht schlafen konnte vor Wehen, und vor der Kreissaaltür saßen müde Menschen aus dem Internet und warteten die Nacht durch bis in den Mittag. Ein Jahr ist es her, dass ich ein totes Baby gebar. Wie warm und licht der Oktober war.
Ich bin jetzt nicht traurig wie ich damals nicht traurig war, ich gehe Verletzlichkeit aus dem Weg. Könnte traurig werden bei den Couldhavebeens, weil alles so perfekt war: Der Zeitpunkt. Das Kind. Abgesehen davon, dass es nicht perfekt war und deshalb nichts perfekt sein konnte. Aber kein Weinen, eher so “oh”. Ich erinnere mich gern zurück, erinnere mich leichter an das, was schön war. Weils weich war: Ein Aufgehobensein. Gesehen werden, in Watte fallen. Statt vorgekochtem Essen brachten Postboten Karten und Kekse und hundertviel mehr in den Meatspace, wurden wir vom Internet umarmt. Nachträgliches Danke mit den weitesten Armen der Welt. Wir haben heute ein Familienfoto im Friedwald gemacht, in dem das Keimlingskind jetzt rumhängt. Zu viert, sozusagen. Den Herbst mehr gernhaben lernen denn je.

ui, Uni

Foto von Street Art: in Versalien "I AM YOURS", darüber eine simple Lesebrille gemalt, wie mit dickem Edding.

Heute ist Schulanfang. Ein neues erstes Semester. Der Ranzen ist gepackt, die Schultüte fehlt noch.

Nach vier Jahren Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus ohne Abschluss probiere ich was neu. Das waren drei Jahre in Hildesheim, danach ein Jahr Reproduktionsfähigkeiten meines Körpers ausprobieren Pause in Frankfurt. Hier fang ich heute mit American Studies und Soziologie an und bin sehr aufgeregt.

Hildesheim war ein kleiner Schreibkreis, war hipsterige Provinz, war freundlich und prätenziös, ein Probierfeld mit Schafen auf dem Weg in die Seminare. Ich habe einige Scheine gemacht und viele Seminare besucht, ohne die erforderliche Leistung zu erbringen oder zu beweisen, dass ich die erforderliche Leistung erbracht habe und die Unterschrift dafür abzuholen. Hab ein paar gute Noten bekommen und mich meistens nicht in Situationen getraut, in denen es Noten hätte geben können. Hatte oft ein Gefühl von “Ey Uni, wie gehtn des?” aus dem “Hmpff, lieber nich” wurde.

Aber nicht nix geschafft: Ich habe bei Büchern und Fahrten mitgemacht, wollte von Anfang an mit allen befreundet und Teil von allen tollen Projekten und in Gremien sein. Wollte gesehen und liebgehabt werden (don’t ask), war selbst voller Liebhaben. Wollte in einer richtig studentischen WG wohnen, in einem Altbau mit einer Küche, in der man frühstücken und über Texte reden kann. Wollte angenommen sein und Sachen nicht für den Credit sondern für die Sache machen. Wollte das Studium und den Ort dazu komplett aufessen. Ich war ehrgeizig und herzlich, gab mir Mühe inklusiv zu sein und mich auszukennen, wurde ängstlich und gleichgültig, ließ jedes Ding aus der Hand fallen und hobs nicht wieder auf.

What now?

Nach einem Jahr drinnen sitzen, nach fast nur schriftlich kommunizieren die Orientierungswoche geschafft. Frankfurt ist eine supersaubere Riesenuni, historisch, irgendwie noch links (whatever that means), anonym, vor der Tür und ständig stolpere ich über Leute aus der Schule. Eine Stadt neubegreifen, in der ich aufgewachsen bin. Einen Campus ertasten, auf dem mein Abiball stattfand. Richtig lernen, was ich im Netz antaste.

Am allerallerallerliebsten wollte ich eigentlich Gender Studies studieren. Das wollte ich schon, als ich in Schweden zur Schule ging; da hieß das Genusvetenskap und ich nahm an, dass es das in Deutschland gar nicht geben könne. Hatte im ersten Semester in Hildesheim so eine Lust auf Gesellschaftswissenschaften, dass ich bei den angehenden Lehrer_innen Seminare belegte. So richtig gibt es Gender Studies aber weder in Frankfurt, noch im Rhein-Main Gebiet und in ganz Hessen nicht. Bielefeld, Freiburg, Göttingen, natürlich Berlin (shakes fist!). Alles so weit weg, denn ich wohn hier jetzt für länger. Also Soziologie, das ist nah dran. Und American Studies, weil ich so viele kluge und empathische feministische Leute aus den USA lese, ich mir mehr Kontext zu den Widersprüchen und Hoffnungen in ihrem Leben wünsche. Und wie nix ein Auslandssemester dahin. (Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich die Hauptfach-Nebenfach-Folge richtig gewählt habe.)

Aber wie geht denn das jetzt mit dem Studieren? Also so, dass man fertig wird & mutig bleibt, dass die Hände es tragen können und nicht loslassen? Wie geht das mit Kind? Was mehr ist als die Frage, wo man es bei Uni-Veranstaltungen lassen kann; das Kind geht nicht weg, wenn man sitzt, liest, lernt, das Kind will was, wenn es nicht schläft. Wie kann das werden? Wie wird es leichter? Und wie geht es, wenn man so schüchtern ist, dass es eine_n aufisst und die Menschen viele sind? Wie geht das, wieder Teil des öffentlichen Lebens sein, einen festgelegten Tagesrhythmus haben? Wie nicht Angst haben?

Ich hab Schiss und Wünsche und freu mich. Will lernen, will offen sein und sehen. Will mutig sein und klug werden. Wünsch mir Euphorie und Lust und auch ein bisschen Fleiß. Will mich ins Studieren reinlieben können und dass es mir egal ist, ob ich zurückgeliebt werde. Und wünsch mir Anke Gröner als Patronus für mein Studium.

Was habt ihr an Rat? Was würdet ihr anders machen, im Nachhinein oder so währenddessen? Was würdet ihr überhaupt machen? Und wie ist euch euer Studium gelungen? Will Hinweise, wie es besser geht, sie in meine Schultüte füllen und es dann versuchen.

Hui, Uni! (Hurra!)