okidoki-tober

Foto von einem Kinderwagen im Wald, ein paar Beine von Menschen, die neben dem Kinderwagen stehen, gibt es auch. Das Foto ist auf das Blatt für den Oktober eines Bastelkalenders geklebt. Auf dem Foto kippt ein Eimer Maronen um, auf dem Kalenderblatt drum drin sind Zeichnungen davon wie diese Maron panisch in Richtung Betrachter_in laufen.

Gerade die Heizung aufgedreht, zum ersten Mal in dieser Saison, und schon ein paar mal beim Händewaschen ein bisschen länger unter dem warmen Wasser geblieben. Heuer ist um die selbe Zeit mehr Laub auf den Bäumen als vorheriges Jahr. Keine Esskastanien gesammelt, aber einen guten Vorrat an Eichelkäppchen, für diese, jene und andere Dinge. Die Nacht auf Allerheiligen hin wird die Weihnachtswerkstatt in diesem Haus eröffnet, ich freu mich auf eisige Winde und Zimt.

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Vor einer mit Kastanien gefüllten Vase, die mit einer Krone aus getrockneten ahornblättern umfasst sind, an deren Spitzel grüne Pailletten und silberne Miniglöckchen kleben, steht ein grünes Viertel aus einem Holzgeburtstagsring, in dem eine brennende weiße Kerne, eine grüne 2, ein kleiner Baum und ein Schwarz-Weiß-foto mit einem Babay, das die Augen geschlossen und schwarze Lippen hat, stecken. Es trägt eine Wollmütze, halb über die Augen gezogen.

Zwei Kinder. Eins davon könnte zwei sein. Wäre eins davon schon zwei, ich weiß nicht, ob das Zweite dabei wäre.
Zwei Jahre seit. Kein Kind, das schreit. Kein Kind, dem man Nein sagen muss. Ein Keimling.

Mein kleiner Keimling.

 

Hurra

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Noch eine Woche, bis das Kind in die Krippe eingelernt wird. Alle Deadlines beigesetzt, das Kind und ich, wir leben in den Tag und ich komme nachts mal dazu, Sachen für mich zu machen. Die Sachen, die ich für mich mache, die haben damit zu tun, länger auf Bildschirme zu gucken, beide Hände gleichzeitig zu bewegen, alle Ohren nach innen zu haben. Oder stattdessen auf- und wieder einräumen. Sisyphos musste in einem Kindergarten Bücher zurück ins Regal stellen, alphabetisch geordnet. Mal hab ich mit wachem Kind die Küche gewischt, das gab vuxenpoäng. Der Rest ist unspektakulär. Ich höre Podcasts und tanze dem Kind zur Intromusik was vor. (Die Musikauswahl von Chewing The Fat <3) Wir hören zusammen ausgeleierte Märchenliederkassetten, beim superdüsteren Lied von der Unke leiert die Kassette so sehr, dass ich mich grusele. Manchmal mache ich mit Mittagsschlaf. Es rollt Wüstengras an diesen müden Herbsttagen vorbei und ich koche Suppe. Mehr nicht. Mehr eigentlich nicht.

this is a first

Ein Viertel aus einem Geburtstagsring aus Holz. in diesem Viertel stecken ein Holzeichhörnchen in rot, eine gelbe Holz-Eins, ein Holzstern mit 8 Zacken und ein Bilderhalter in dem ein Foto klemmt, auf dem ein Baby, so in eine Decke eingewickelt, dass nur das Köpfchen rausguckt, ein Bär und eine Frau zu sehen ist, die danebenliegt und lächelt. Der Ring steht auf einem Birkenholztisch, dhinter eine große Vaße mit trockenen Ästchen darin und daneben ein handbreites Holzeichhörnchen, auf dessen Schwanz eine brennende weiße Kerze sitzt.

Ich weiß nicht, was ein Jahr ist. Ist es lang oder kurz? Tag reiht sich an Tag, das ist alles. Ein Tag vor einem Jahr.

Aufwachen mit Wehen, die fein sind und verschwinden, sobald ich wach und aus dem Bett bin. Mein Abiturzeugnis aus der Schule holen, ich habe es verloren und die Sekretärin muss die Noten handschriftlich eintragen. Pralinen dabei, Dankeschön. Mit dem Auto in die Innenstadt, wofür, ich weiß es nicht, es ist Sommer und ein Fahrradfahrer fährt am Schauspielhaus gegen einen Bauzaun aus Holz. Notfall. Erstversorgung, Angela Merkel wirbt in der Stadt um Stimmen. Bei Anbruch der Dunkelheit sagen die Wehen wieder hallo, ich will nicht in die Wanne, um nicht enttäuscht zu sein, falls sie sich auflösen. Ich will nicht ins Krankenhaus und warte und atme.  Sitze am Desktop-PC, lese. Ein bisschen mitdenken an Sätzen für diese Rede, sich auch mal Tisch festhalten müssen und singen statt atmen. Lalala für jeden Schmerz, je tiefer, desto au. Als ich mich davor fürchte, beim kurzen Weg durchs Treppenhaus laut zu trällern, ist es Zeit. Im Autoradio Wouldn’t It Be Good von Nik Kershaw, wir überfahren eine rote Ampel und ich merke es nicht mal. Dann wartet man, wird verstöpselt, wartet und soll sich nicht bewegen, für den Wehenschreiber, wartet und soll sich nicht bewegen beim Ultraschall. Wehen, unnötige Fummelei, 7 cm. Glück mit der Hebamme, die Ball und Hocker und dings holt, ohne dass ich fragen muss, ich wär nicht von selbst draufgekommen. Glück mit der Hebamme, die Schmerzmittel gibt ohne Diskussion. Nicht ausrutschen in der geplatzen Blase, so wenig Körperkontakt mit dem Boden wie möglich, durch jeden Berührungspunkt schießen Schmerzblitze. Im Prinzip gebäre ich auf einem Knie. Dann kommt der Kopf, die Wehe geht, wir hängen fest. Ich bitte um Tee, die Hebamme lacht, staunt, ‘natürlich’, ich greife nach der Tasse. Sie dreht sich zur Ärztin, sagt, dass sie das noch nie erlebt habe. Ich bin cool, nippe am Tee. Ich bin cool, presse das Baby raus und als es unter mir liegt, die Augen auf, es guckt und bewegt sich, sage ich als erstes: “es lebt!” Dann wird es draußen hell und mir kalt, Wild im Scheinwerferlicht mit Blitzeis. Klitoriss und viel mimimi um Näherei. Ein Babystart wie mit Rollschuhen auf Bananenschalen ausgerutscht. Eine Geschichte im Dunkeln mit Taschenlampe unterm Kinn zu erzählen.

Fast forward >> Vorzeigestandardbaby, das mit einem Jahr läuft, das seit hundert Jahren durchschläft, das seinen Brei isst und den Eltern die Pantoffeln an den Sessel bringt. Keine Vorzeigestandardmama, aber wir üben Asymptote und nähern uns an. An Lucas Geburtsminute schlief dieses Kind und ich zwang mich aus dem Bett in die Uni. Dieses Jahr, der erste Geburtstag dieses Babys und alle liegen im Bett und alle dürfen da bleiben und schlafen. Stelle mir vor, wie ich jetzt NICHT wegfahren, NICHT an etwas oder jemanden geklammert Wehen veratmen, NICHT an einer Geburt arbeiten muss. Ich hab frei und kann ausschlafen und mich unter die Decke kuscheln. Ich will das genießen, perfektes großes Baby neben mir – the Job is done. Und dann kann ich nicht einschlafen, weil meine Füße so weh tun (schöne Schuhe ohne Einlagen) und es fühlt sich an, wie vor einem Jahr, als ich mein zweites Knie kurz überm Boden hielt. Nicht mit den Füßen an die Decke kommen. Über kurz oder lang von einem Tag auf ein Jahr kommen und wieder zurück. Herzlichen Glückwunsch zum 1. Geburtstag, schönes Kind.

baby steps

Vier Treppenstufen, von oben draufgeguckt: auf der obersten steht eine erwachsene Person, von ihr sind nur zwei blei-weiß-gestreifte Stoffstchuhe, ein taubenblauer Rock und eine weiße Kunstledertasche zu sehen. Die Person guckt in Richtung trepperunter. Zwei Stufen unter ihr steht ein Baby in einem dunkelblauen Teddyfelljäckchen mit Kapuze. Das Baby ist die Stufen von unten nach oben hochgeklettert und fasst mit der linken Hand den rechten Schuh der erwachsenen Person an.

Zwischen den großen ersten Schritten eines kleinen Menschen die vielen kleinen Versuche großer Menschen, Arbeit zu schaffen. Mit Händen, die eigentlich die Pflicht an Tastaturen zieht, Geleit beim Balancieren geben oder das schwere Babypaket packen und von der Schallplattennadel wegtragen. Drei Deadlines, die in einem ersten Geburtstag münden, keine Zeit allein. Conflict of interests.

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Mehr machen, mit den Händen, und mehr davon zeigen. Mehr verschenken.

Als Kind konnte ich nicht verstehen, wie indifferent Erwachsene mit ihren Geburtstagen umgingen. Jetzt weiß ich wie das geht und würde lieber nicht. Alt sein, wenn man mit der Jahreszahl der Geburt rechnen muss, um sich mit dem eigenen Alter nicht zu verzählen. Ich will mir selbst mehr Spaß machen. Meine schönste Bluse aus dem Schrank ziehen und allen Leuten sagen: “Weißt du wa-haas? Heut’ ist mein Geburtstag!” Die Kopfhörer aus dem Ohr ziehen und mich überraschen lassen. Die Kopfhörer wieder reinstecken und in warmer Nacht durch die Stadt tanzen, mal mit der Hand im Haar, mal in Balance auf einer Mauer. Gute Geburtstage lassen sich nicht planen, Glücklichsein geht nicht nach Stundenplan. Aber ich will versuchen, den Tag zu tragen wie ein Stück brillantgeschliffenes Glas an einem Ring.

zu #selbstgeboren

Oh dear.

Lese im Zusammenhang mit diesem Artikel das erste Mal vom Hashtag #selbstgeboren. Ein Artikel, der mich traf, weil ich die beschriebenen Gefühle zum Kind teil(t)e, auch ohne Kaiserschnitt. Ich sehe in meiner Timeline Kritik am Hashtag, muss aber ein bisschen suchen, bis ich verstehe, an wen sich die Kritik richtet. Allein der Begriff macht Stirnrunzeln. Wer soll denn gebären außer die schwangere Person selbst? Ist ja nicht so, als könne man, wenn man übers erste Trimenon hinaus schwanger ist, die Geburt outsourcen.

Ana Luz erklärt:

Wenn heute auf der Seite selbstgeboren.de Geburtsberichte von Frauen gesucht werden, die eine “kraftvolle und selbstbestimmte Geburt erlebt haben” und “aus eigener Kraft” ein Kind geboren haben, während im nächsten Satz alle Mütter ausgeschlossen werden deren Geburtserlebnisse nicht ”frei von Manipulation oder Eingriffen von Außen. (D.h: Ohne künstlich eingeleitete Wehen, PDA, Kristellern, Dammschnitt, Saugglocke oder Kaiserschnitt.)” sind, dann passiert genau das […]: Geburt wird bewertet und klassifiziert in “richtig” und “falsch”, in “natürlich” und “künstlich”, in “kraftvoll” und “manipuliert”. […] Was sind denn die Mütter und ihre Geburtserlebnisse, deren Geburtsberichte hier ausdrücklich NICHT gesucht werden nach der Definition der Autorin? Kraftlos, schwach, manipuliert, falsch, künstlich. Dabei werden die Kraftanstrengungen dieser Mütter, die Schmerzen, die Ängste und die Entscheidungen in ihrer Verantwortung als Mutter ihrer Kinder komplett negiert.

Ich bin voll Team Selbstbestimmung, aber ich wünsche mir (besonders von einer Hebamme), dass die Komplexität von Selbstbestimmung verstanden wird. Und Respekt vor Geburtssituationen, deren Bedingungen Schwangere sich nicht selbst aussuchen können. Ich will, dass sie mitgedacht werden.
Selbstbestimmt ist nicht gleichbedeutend oder deckungsgleich mit “ein physiologischer Geburtsverlauf, frei von Manipulation oder Eingriffen von Außen. (D.h: Ohne künstlich eingeleitete Wehen, PDA, Kristellern, Dammschnitt, Saugglocke oder Kaiserschnitt”, wie die Autorin in ihrem Aufruf nach Geburtsgeschichten schreibt.

Denke ich an meine Geburten, sind es nicht per se medizinische Interventionen, die mir das Gefühl erschwert haben könnten, selbstbestimmt zu gebären. Die Wahl, PDA und andere Schmerzmittel in Anspruch zu nehmen, war immer selbstbestimmt, und ich bin dankbar, dass niemand, weder Ärzt_innen noch Hebammen, mir vermittelt hätten, dass eine Geburt halt kein Besuch im Vergnügungspark sei, ich mich nicht so anstellen solle, sondern dass ich in der Angelegenheit sofort ernstgenommen wurde. Was meine Selbstbestimmung bei der ersten Geburt eingeschränkt hat, war ständig am Wehenschreiber zu hängen oder nervig-schmerzhaftes Muttermundtasten.

Die erste Geburt wurde eingeleitet. Da war ich zwei Wochen über dem errechneten Termin. Was sich damit erklären lässt, dass mein Fötus keine Signale sendete, reif zu sein, Signale dass die Geburt losgehen könne, weil das Gehirn, mit dem diese Signale gesendet würden, fehlte. Anenzephalie, in case you’re wondering. Der Zeitpunkt war nicht selbstbestimmt, aber wie selbstbestimmt kann er bei spontan einsetzenden Wehen sein? Und macht das denn weiteren Geburtsverlauf oder das gesamte Geburtserlebnis zwingend nicht selbstbestimmt? Die Frage nach Selbstbestimmung ist keine Frage von entweder-oder, sie bewegt sich in einem Spektrum.

Die zweite Geburt verlief ohne Manipulationen oder Eingriffe von außen, ohne Schichtwchsel, usw. Trotzdem habe ich sie im Nachhinein als weniger selbstbestimmt in Erinnerung, ist sie ein Schlüssel dazu, warum es zwischen mir und dem Baby nicht sofort funkte.

Denn: Die Frage nach Selbstbestimmung endet nicht, wenn Baby und Plazenta draußen sind. Die schlimmsten (und noch immer schlimmwirkenden Erfahrungen) habe ich nach der Geburt gemacht, als es darum ging, genäht zu werden. Nicht nach einem Dammschnitt sondern simplen Scheidenrissen. Situationen, in denen mir keine Zeit gegeben wurde, nicht respektiert wurde, als ich “Nein” schrie, ich stattdessen vermittelt bekam, ich würde mit meinem Versuch, in einer wunden Situation über mich selbst zu verfügen, nerven und den Betrieb aufhalten.

Hebammen sind arschwichtig. Zu wichtig, als dass Geburtserfahrungen gegeneinander ausgespielt werden sollten, um den Berufsstand zu retten. Hebammen sind nicht nur für interventionslose Geburtshaus- oder Hausgeburten wichtig. Hebammen betreuen Kaiserschnitte. Hebammen betreuen Fehl- und Totgeburten, betreuen Abtreibungen. Und mir ist jeder selbstgewählte und selbstbestimmte Kaiserschnitt lieber, als spontane Geburten, die mit Ohnmachtserfahrungen verknüpft sind.

Die Kraft, die eine Geburt erfordert, ist nicht zwingend die Kraft, die es braucht, um ein Baby durch den Geburtskanal zu pressen. Da ist die Kraft, die Schwangerschaft zu tragen, die Kraft gegebenenfalls Diagnosen auszuhalten, die Kraft Entscheidungen für sich zu treffen, die Kraft, sich selbst in und durch die Zeit danach zu tragen. Ich kann das Anliegen des Buches erkennen, mit positiven Geschichten Mut machen zu wollen. Aber Titel und Aufruf sind so unfassbar unreflektiert, ignorant und respektlos. Und damit auch unprofessionell. Statt Mut zu machen, stößt das Framing vor den Kopf und verletzt.

Ich wünsche mir stattdessen ein Buch, mit dem kein Gegensatz zwischen assistierten und selbstbestimmten Geburten konstruiert wird, sondern das mit vielfältigen Geschichten der Realität von Geburten gerecht wird, das zeigt, wie Selbstbestimmung unter unterschiedlichen Voraussetzungen und Geburtssituationen möglich wird, und darin nicht beschränkt auf sogenannte “natürliche”/”normale” Geburten. Ich wünsche mir, dass die Bedürfnisse von Schwangeren ernstgenommen werden, statt Druck zu machen, wie Geburt “richtig” gehe. Und ich wünsche mir, dass die Kritik verstanden wird. So gut das gemeint sein mag: intent isn’t magic.